Stand: 25.10.2018 15:09 Uhr

Was Trennungen für Kinder bedeuten

von Louisa Maria Giersberg, NDR 1 Radio MV

Wenn zwei sich streiten, leidet der Dritte. Mama und Papa mögen sich nicht mehr - das Kind steht dazwischen. "Wenn Eltern sich trennen, munitionieren sie sich mit dem Familiengericht und tragen den Krieg, den sie auf der Elternebene eigentlich erleben, auf den schmalen Schultern der Kinder aus", sagt Dr. Stefan Rücker von der Universität Bremen. Für das Bundesfamilienministerium untersucht der Psychologe, welche Folgen das für die Kinder hat und wie sich die unterschiedlichen Betreuungsmodelle auf das Kindeswohl auswirken. Dazu haben er und sein Team Hunderte Trennungsfamilien, Familiengerichte und Beratungseinrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in ganz Deutschland befragt. Die erste Erkenntnis lautet dabei, dass in schmerzhaften Situationen wie Trennungen Eltern nicht immer rationale Entscheidungen treffen können. "Dann das Richtige für die Kinder zu tun, gleicht ein bisschen der Quadratur des Kreises. Das gelingt Eltern oftmals nicht. Deswegen sage ich auch, wir brauchen eine Stärkung des Beratungsansatzes für Trennungseltern, die sich in emotionalen Schwierigkeiten befinden. Was sie ja in der Regel tun."

Vorbild Frankreich und Österreich?

Beratungen sind in Deutschland nicht verpflichtend. Eltern ziehen lieber direkt vor Gericht. Selten tun sie das, um juristische Konflikte zu klären. Meist gehe es um Kränkungen, Bitterkeit, Verletzungen, Gefühle von Rache, erklärt Dr. Rücker. Eltern zeigten sich unkooperativ, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Das habe aber keine Folgen für sie. Es komme schon mal vor, dass ein Elternteil spontan wegziehe - mit dem Kind. Bis eine Entscheidung getroffen ist, vergehen Monate. Gerne wird dann argumentiert, das Kind habe sich jetzt am neuen Ort eingelebt, man könne es nicht wieder entwurzeln. Der zurückgelassene Elternteil muss damit leben, das Kind jetzt nur noch selten zu sehen. Andere Länder könnten Vorbild für neue Regelungen sein. In vielen westlichen Ländern, darunter auch die USA und Australien, darf ein Elternteil mit einem minderjährigen Kind nicht weiter als 50 Meilen vom anderen Elternteil wegziehen, um Entfremdung zu vermeiden. In Frankreich und Österreich gibt es verpflichtende Beratungen nach einer Trennung, der Inhalt wird protokolliert. Trägt ein Elternteil nichts zu einer Lösung bei, kann ihm das bei einer möglichen Verhandlung Nachteile bringen.

Die Reporterin im Studio.

Studie: Wechselmodell tut Trennungskindern gut

Nordmagazin -

Nach einer Trennung kann das sogenannte Residenzmodell zur Belastung werden. Kinder, die zu gleichen Teilen bei den Eltern leben, nach dem sogenannten Wechselmodell, geht es psychisch besser.

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"Mama betreut - Papa zahlt"

In Deutschland ist das Modell "Mama betreut - Papa zahlt" immer noch der Klassiker. Beim so genannten Residenzmodell hat das Kind einen festen Lebensmittelpunkt, meist bei der Mutter. Der andere Elternteil, meist der Vater, betreut nur zu etwa 20 Prozent. So geht es Thomas, einem jungen Mann aus Mecklenburg-Vorpommern. Er sieht seine Tochter alle zwei Wochen von Freitag bis Sonntag, jeden zweiten Montagnachmittag und jeden Mittwochnachmittag. Das reicht Thomas nicht. Aber auf mehr Umgang hätten sich die Eltern nicht einigen können. Er habe sich viel mit Betreuungsmodellen beschäftigt und wisse, dass es für Kinder machbar und auch besser sei, wenn sie mehr Kontakt zu ihren Vätern haben. "Und meine Tochter fordert das ja auch immer ein. Wir sind jetzt ungefähr seit drei Jahren getrennt. Und die ersten zwei Jahre waren immer noch ganz schlimm. Da war sie wirklich fertig mit der Welt, wenn sie weg musste, hat oft geweint und das hat sie wirklich doll belastet. Im letzten Jahr hat sich das abgemildert, weil sie einfach die Hoffnung verloren hat, dass dieser Umgang irgendwann mal erweitert wird." Der Alltag mit seiner Tochter fehle ihm, sagt Thomas: Abendroutine, gemeinsames Essen, eine Geschichte vorlesen, ins Bett bringen. Dass er seine Tochter unter der Woche abends immer wieder zur Mutter bringen müsse, sei belastend. "Da hat man das Gefühl, dass man als Besuchsonkel auftritt, der seine Tochter mal ein paar Stunden lang bespaßen darf. Aber wenn es um den richtigen Alltag geht, dann muss man die Tochter wieder wegbringen und der Mutter übergeben. Da fühlt man sich schon zurückgesetzt."

Als Paar getrennt, als Eltern immer noch ein Team

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Die Eltern leben getrennt, betreuen das Kind aber gemeinsam: Bei Frauke und Volker funktioniert das Wechselmodell.

Auf der anderen Seite gibt es das Wechselmodell: Mama und Papa betreuen zu gleichen Teilen. Nur fünf Prozent der Familien leben dieses Modell. Frauke und Volker machen das so. Sie erziehen ihren achtjährigen Sohn Fabio zusammen, obwohl sie seit vier Jahren getrennt sind und auch getrennt leben. Volker war damals aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, heute geht er dort wieder ein und aus: "Wir teilen uns das Abholen von der Schule und das Hinbringen und die Tage, wann wir ihn zu Bett bringen. Wir essen auch mehrmals die Woche zusammen, einfach so bei der Übergabe und tauschen uns aus, damit wir einfach Bescheid wissen", erzählt Frauke. Klar, Zoff habe es auch gegeben, aber sie hätten sich gleich Hilfe geholt, Erziehungsberatung und psychologische Unterstützung. "Und wir haben wirklich einfach das Kind im Blick gehabt. Das macht ja keinen Sinn, sich weiter zu streiten, sondern man muss jetzt gucken, wie geht es weiter." Fabio wächst mit beiden Elternteilen auf. Weil sie als Paar zwar getrennt, als Eltern aber immer noch ein Team sind.

Familien-Experte: "Jeden Einzelfall betrachten"

Bei Frauke und Volker funktioniert das Wechselmodell, weil sie sich einig sind. Das Wechselmodell darf auch gegen den Willen eines Elternteils durchgesetzt werden. Es sei denn, es sprechen triftige Gründe dagegen. Streit ist so ein Grund. Und das sei das Problem, sagt Forscher Rücker. Das sei ja geradezu eine Einladung zum Streit, wenn einer das Wechselmodell nicht wolle. Das richtige Betreuungsmodell gebe es sowieso nicht. Jeder Einzelfall müsse betrachtet werden. Und vor allem dürften Mütter nicht bevorzugt und Väter benachteiligt werden. Stattdessen solle das Kontinuitätsprinzip gelten. So wie die Betreuungsanteile vor der Trennung waren, sollten sie auch danach sein. Rücker will seine Studie Ende des Jahres dem Ministerium vorlegen. Und aus Berlin ist zu hören, dass es durchaus Interesse gibt, das heiße Eisen Umgangsrecht anzufassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.10.2018 | 16:15 Uhr

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