Stadtwerke Wismar: Ermittlungen nach Cyberattacke laufen

Stand: 01.10.2021 17:22 Uhr

Cyberkriminelle haben am Dienstag die IT-Systeme der Stadtwerke in Wismar attackiert. Das wurde am Donnerstag bei der Sitzung der Bürgerschaft bekannt. IT-Sicherheitsexperten arbeiten an der Aufklärung.

Wie die Stadtwerke in Wismar jetzt mitteilten, ist der Versorger Anfang der Woche Ziel eines Cyberangriffes geworden. Schon am Dienstagmorgen hatten sich bisher Unbekannte in die IT-Systeme gehackt.

Spurensuche läuft, Stadtwerke im Notbetrieb

IT-Experten einer Berliner Firma prüfen nun, wie die Attacke ablief und wer dahinter steckt. Viele Kollegen der Stadtwerke hatten im Laufe der Woche bemerkt, dass sie nicht mehr auf Firmen-Daten zugreifen konnten. Relativ schnell sei klar geworden, dass Unbekannte sämtliche Daten verschlüsselt haben, so eine Sprecherin der Stadtwerke. Als feststand, dass es sich um einen Hackerangriff handelte, wurden sofort alle Netz-Verbindungen nach außen und zu technischen Anlagen getrennt. Noch immer sind die Stadtwerke im Notbetrieb, noch immer kann das Unternehmen nicht auf Service-, Kunden- und kaufmännische Daten zugreifen.

Cyberangreifer noch nicht identifiziert

Bisher konnten die Behörden noch nicht klären, wer hinter den Hackerangriff steckt. Ob es um eine eventuelle Erpressung geht, ist nicht bekannt. Es fehlen noch Informationen - auch weil auf sämtliche E-Mails bisher nicht zugegriffen werden kann. Auch ob Daten der Stadtwerke gestohlen wurden, konnten die Ermittler bisher nicht klären. Die Experten arbeiten aber an einer Lösung und prüfen, wie die Hacker in das System der Stadtwerke eindringen konnten.

Unternehmenssprecherin: Energieversorgung gesichert

Kunden der Stadtwerke müssten sich trotz der Cyberattacke keine Sorgen um die Versorgungssicherheit machen, hieß es. Die Unternehmenssprecherin versicherte, dass Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmeversorgung sichergestellt bleiben. Seit Jahren sind die Anlagen, die für die Versorgung zuständig sind, vom allgemeinen Betriebssystem entkoppelt. Allerdings können die Stadtwerke E-Mails der Kunden nicht beantworten, auch Abrechnungen können nicht bearbeitet werden. Nicht betroffen seien die Abbuchungsaufträge, diese Daten seien gesichert, so die Sprecherin. Wer weitere Fragen habe, der solle am besten ins Kundencenter kommen.

Cyberangriff in Wismar kein Einzelfall

Neun von zehn Unternehmen waren in den vergangenen Jahren von Cyberangriffen betroffen. Das ergab eine repräsentative Studie des Digitalverbandes Bitkom. Erst kürzlich legten Hacker das Klinikum Wolfenbüttel in Niedersachsen lahm. Ärzte und Pfleger hatten keinen Zugang mehr zu den Patientenakten. Drei Monate zuvor wurde der MADSACK-Medienkonzern angegriffen und damit auch die Ostsee Zeitung. Sie konnte kurzzeitig nur in einer schmalen Ausgabe erscheinen. 2019 setzte zum Beispiel ein Trojaner einen Teil der Stadtverwaltung von Neustadt am Rübenberge bei Hannover außer Gefecht. Mehr als eine Woche konnten keine Führerscheine oder Personalausweise ausgestellt werden.

NDR MV Live: Cybercrime-Experte vom LKA gibt Tipps

Jörg Bruhn, Projektleiter für das Digitale Service- und Kompetenzzentrum beim Landeskriminalamt MV, empfiehlt bei NDR MV Live, sich mit der eigenen IT-Technik auseinanderzusetzen: Nutzer sollten vor allem sensibel mit eingehenden E-Mails umgehen. Mails könnten potentiell Schadsoftware enthalten. Außerdem sollten regelmäßig Sicherheitskopien der eigenen Daten erstellt werden - sogenannte Backups. Diese sollten außerhalb des zu schützenden Systems gespeichert werden. Im Falle des Falls können sensible Daten so einfach wiederhergestellt werden.

Hohe Dunkelziffer: Viele Fälle werden nicht angezeigt

LKA-Cybercrime-Experte Jörg Bruhn schätzt die Gefahr für Unternehmen und Behörden sowie für Privatpersonen als hoch ein. Verschlüsselungstrojaner, sogenannte Ransomware, würde oft zu erpresserischen Zwecken genutzt. Die Täter drohten oft mit der Veröffentlichung der gestohlenen Daten. Seit 2015 sind zwölf Angriffe auf staatliche und öffentliche Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern registriert worden. Viele Fälle würden aber gar nicht angezeigt, so Bruhn. Es gebe eine hohe Dunkelziffer. Viele von Cyberkriminalität Betroffene wüssten gar nicht, dass sie gerade Opfer einer Straftat geworden sind. Einige Unternehmer hätten auch Angst vor einem auffälligen Polizeieinsatz auf dem Firmengelände oder vor Reputationsverlust. Außerdem spiele auch die Angst, dass im Zuge der Ermittlungen eigene Verstöße auffliegen, eine Rolle bei der Entscheidung Cyberkriminalität anzuzeigen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | NDR MV Live | 01.10.2021 | 16:15 Uhr

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