Professor Emil Reisinger © NDR Foto: NDR

Rostocker Mediziner zu Ungeimpften: "Die Gesellschaft muss das regeln"

Stand: 28.10.2021 18:30 Uhr

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums will die Mehrheit der Ungeimpften auch ungeimpft gegen Corona bleiben. Von der angestrebten Herdenimmunität ist auch Mecklenburg-Vorpommern noch weit entfernt. Der Rostocker Tropenmediziner Prof. Emil Reisinger sieht nun nicht die Politik, sondern die Gesellschaft am Zug.

Wichtig sei, dass kein weiterer politischer Druck aufgebaut werde, sagte Reisinger im Gespräch mit dem NDR in Mecklenburg-Vorpommern. "Die Gesellschaft muss das jetzt selbst regeln: 'Wenn Du nicht geimpft bist, dann möchte ich auch nicht, dass Du mit meinen Kindern spielst'", so Reisinger weiter. Auf Nachfrage betonte der Mediziner, dass es ihm nicht um öffentlichen Druck gehe, sondern um eine "gesellschaftliche Notwendigkeit".

"Dann können sie an bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens eben nicht teilnehmen"

Die meisten Menschen hätten die Notwendigkeit erkannt und sich impfen lassen. Und diese Menschen hätten kein Verständnis mehr für Ungeimpfte. "Impfzwang wäre, wenn ich den Menschen sage, sie müssen sich impfen lassen. Hier haben die Menschen ja die Möglichkeit, sich impfen zu lassen oder sich nicht impfen zu lassen. Dann können sie an bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens eben nicht teilnehmen. Ich würde das nicht als Druck bezeichnen", so Reisinger.

Reisinger: Bisher keine Spätfolgen der Impfung aufgetreten

Den von vielen Befragten geäußerten Sorgen vor Langzeitfolgen der Impfung will Reisinger mit Aufklärung begegnen. "Wir wissen, dass Nebenwirkungen bei Impfungen nach wenigen Wochen auftreten, nicht mehr nach einem Jahr." Weltweit seien inzwischen rund fünf Milliarden Menschen mit dem Covid-Impfstoff geimpft - viele von ihnen bereits vor einem Jahr. Deshalb gebe es schon entsprechend viele Erfahrungsdaten. "Wir können sagen, dass bisher keine Spätfolgen aufgetreten sind und auch keine Spätfolgen mehr zu erwarten sind", so Reisinger, der in der Corona-Pandemie auch die Landesregierung berät.

Hausärzte sollen Aufklärung zur Impfung liefern

Aus seiner Sicht müssten vor allem Hausärzte den Menschen die Fakten zur Impfung liefern. "Wir kennen auch aus Studien das Phänomen, dass Menschen, denen gesagt wird in der Öffentlichkeit: Ihr müsst euch impfen lassen, irgendwann mauern. Wenn man den Leuten aber sagt: Bitte lasst Euch aufklären vom Hausarzt - die Leute, die dann zum Hausarzte gehen, lassen sich zum großen Teil dann impfen - wenn sie dem Hausarzt vertrauen." Reisinger meint außerdem, dass die Impfbereitschaft steigen wird, wenn es eine Zulassung für Kinder-Impfstoffe gibt. Er geht davon aus, dass dies manchen Erwachsenen die Angst vor der Impfung nehme.

Glawe zur Umfrage: Erschreckendes Ergebnis

Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) bezeichnete das Ergebnis der Forsa-Umfrage als erschreckend. Dass die Ungeimpften sich voraussichtlich nicht mehr umstimmen lassen werden, hätte die Landesregierung so nicht vermutet. Aber wirklich etwas tun könne die Politik nicht. Glawe hält einen Impfzwang nicht für umsetzbar. Deswegen bleibe der Politik einzig und allein der Appell: "Lassen Sie sich impfen. Denken Sie daran, dass es nicht nur um Ihre Gesundheit geht, sondern es geht um die Gesundheit aller," Speziell an Medizinisches und Pflegepersonal addressierte Glawe die Bitte, sich impfen zu lassen. "Krankenschwestern und Ärzte haben eine hohe humanitäre Verantwortung." Weiter bezeichnete Glawe Ungeimpfte in Pflegeheimen als hohes Risiko für die Bewohner.

Studie: Große Mehrheit der Ungeimpften will vorerst ungeimpft bleiben

Bei der am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Meinungsfoschungsinstituts Forsa gab ein großer Teil an, sich auch absehbar nicht impfen zu lassen. 65 Prozent der gut 3.000 Befragten antworteten, sie würden sich "auf keinen Fall" in den nächsten zwei Monaten impfen lassen. 23 Prozent tendierten laut Umfrage zu "eher nein". Zwei Prozent der Befragten wollen sich demnach "auf jeden Fall" noch impfen lassen. Die restlichen zehn Prozent zeigten sich unentschlossen oder hielten eine spätere Impfung für möglich. Rund ein Drittel der Nichtgeimpften begründet die Entscheidung damit, die Impfstoffe seien nicht ausreichend erprobt. Knapp jeder Fünfte gibt an, Angst vor Nebenwirkungen zu haben, knapp jeder Zehnte hält das eigene Risiko, schwer an Corona zu erkranken, für gering. Die Studie wurde von der forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen vom 29. September bis zum 10. Oktober 2021 durchgeführt.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland 66,5 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft, aufgrund von Meldeverzug soll die tatsächliche Zahl ein paar Prozentpunkte höher liegen. In Mecklenburg-Vorpommern beträgt die Quote der vollständig Geimpften rund 65 Prozent.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 28.10.2021 | 18:10 Uhr

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Coronavirus

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