"Bitterer Tag": MV-Werften stellen Insolvenzantrag

Stand: 10.01.2022 18:38 Uhr

Die MV-Werften haben am Montagmittag einen Insolvenzantrag gestellt. Bis zuletzt hatten Bund, Land und der Eigentümer Genting Hongkong versucht, ein Rettungspaket zu verhandeln. Knapp 2.000 Mitarbeiter blicken nun einer ungewissen Zukunft entgegen. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sprach von einer "bitteren Nachricht" für das ganze Land. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gab Genting die Schuld am Scheitern der Verhandlungen.

"Ein bitterer Tag für uns alle, aber wir müssen dieser Tatsache ins Auge schauen", heißt es in der Mitteilung der Geschäftsführung. Die Zahlungsunfähigkeit wurde am Mittag am Amtsgericht Schwerin beantragt, wie das Gericht bestätigte. Bei Gesprächen zwischen Bund, dem Land Mecklenburg-Vorpommern und dem Eigner Genting aus Hongkong sei keine Lösung für die weitere Finanzierung gefunden worden, erklärte ein Werftensprecher. Eine Insolvenz müsse aber nicht das endgültige Ende bedeuten - das könne auch bedeuten, dass es weitergeht.

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MV Werften Logo mit roter Ampel © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jens Büttner

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Zähes Ringen bis zuletzt

Wie der Sprecher weiter erklärte, hätten Bundeswirtschaftsminister Habeck und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidenten Schwesig am Freitag versucht, einen Ausweg zu finden. Das sei nicht gelungen. Der Werften-Eigentümer Genting Hongkong hatte zuletzt bei den Verhandlungen Druck auf den Bund und das Land ausgeübt. Genting apellierte an Bund und Land, ihre ablehnende Haltung bei der Freigabe von Geldern für die Fertigstellung des mehr als 340 Meter langen Kreuzfahrtschiffs "Global 1" zu überdenken. Bund und Land hatten hingegen eine höhere finanzielle Beteiligung des Unternehmens gefordert, um die Werften zu retten.

Kreuzfahrt-Riese fast fertig gestellt

Wismar: Arbeiter von externen Firmen verlassen die Schiffbauhalle der MV-Werften, in der momentan das Kreuzfahrtschiff "Global 1" gebaut wird. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
In Spitzenzeiten arbeiteten rund 3.000 Menschen bei den MV-Werften, zuletzt waren es noch knapp 2.000.

Den MV-Werften war es nicht gelungen, die Finanzierung des zu rund 75 Prozent fertigen und rund 1,5 Milliarden Euro teuren Kreuzfahrtschiff-Neubaus zu sichern. Es gilt als eines der größten je gebauten Kreuzfahrtschiffe und war ausschließlich für den asiatischen Markt gedacht. Der Bund hatte dem Vernehmen nach immer wieder versichert, rund 600 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) zur Verfügung stellen zu wollen. Das Schiff sollte dafür als Sicherheit verwendet werden. Beim Eigenbeitrag der Eigentümer sei es um einen Beitrag von 60 Millionen Euro plus Garantien für die in Rede stehenden Bundesmittel gegangen. Genting hatte jedoch nur 30 Millionen Euro in Aussicht gestellt, soll zuletzt laut "Ostsee-Zeitung" weitere elf Millionen Euro angeboten haben. Der Präsident von Genting Hongkong, Colin Au, hatte am Sonntag in Wismar gesagt, man habe dem Bund vier Angebote zur weiteren Finanzierung vorgelegt. Diese seien aber alle abgelehnt worden. Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Reinhard Meyer (SPD) erklärte am Montagabend, dass die geforderten 60 Millionen Euro "nicht annähernd" erreicht worden seien.

Schwesig: "Bittere Nachricht für das ganze Land"

"Wir bedauern sehr, dass sich Genting entschlossen hat, Insolvenz anzumelden", sagte Schwesig am Abend. Das sei eine "bittere Nachricht" für das ganze Land. Die Ursache für die Insolvenz liege in der Corona-Pandemie. "Wir waren und wir sind überzeugt, dass Kreuzfahrttourismus eine Zukunft hat", so die Ministerpräsdientin. Schwesig kritisierte das Verhalten Gentings bei den Verhandlungen als "unverständlich." Genting hätte einen substanziellen Beitrag leisten müssen, hatte dies auch zugesichert, aber stattdessen nun Insolvenz beantragt. Schwesig kündigte an, dass die Landesregierung den Landtag noch in dieser Woche um eine Sondersitzung bitten will. Auch Besuche zusammen mit dem Insolvenzverwalter an den Standorten seien geplant.

Habeck: Werft-Eigentümer schlugen Hilfsangebot des Bundes aus

Bundeswirtschaftsminister Habeck sieht die Schuld für die Insolvenz beim Eigentümer. "Als Bundesregierung haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Insolvenz der MV-Werften zu vermeiden und so die Arbeitsplätze zu retten. Allerdings haben die Eigentümer unser Hilfsangebot ausgeschlagen; die Anmeldung der Insolvenz ist die Folge." Dies sei eine "bittere Nachricht" für die Beschäftigten der Werft und die Region. Die IG Metall Küste sprach von einem "schwarzen Tag" für den Schiffbau in Deutschland. "Wir sind entsetzt, dass es soweit kommen musste. Dass die Verhandlungen zu keiner Lösung geführt haben, ist ernüchternd. Das Vertrauen auf allen Seiten scheint endgültig aufgebraucht", teilte Bezirksleiter Daniel Friedrich am Nachmittag mit. Nun müsse es um eine Perspektive für Beschäftigte und Standorte in Bremerhaven und Mecklenburg-Vorpommern gehen.

Maritime Koordinatorin: "Kein Zusammenkommen zwischen Bund und Genting"

Die maritime Koordinatorin der Bundesregierung, Claudia Müller, erklärte am Nachmittag, dass es "kein Zusammenkommen zwischen Genting und dem Bund" gegeben habe. Mit dem Land sei man sich dagegen einig gewesen. Es gebe klare Regeln für den Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF). Eigentlich betrage die Eigenbeteiligung des Eigentümers 20 Prozent, im Falle von Genting sei man auf 10 Prozent heruntergegangen. Es gehe nun darum, eine gute Perspektive für die Werften in Mecklenburg-Vorpommern und in Deutschland zu entwickeln. "Es ist wichtig, dass wir das Know-how halten." Große Potenziale gebe es im Bereich der Offshore-Industrie, so Müller. Die AfD als größte Oppositionsfraktion im Landtag warf der Landesregierung im Fall der MV-Werften "staatliche Insolvenzverschleppung" vor.

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Wismar: Dunkle Wolken ziehen am Abend über das Gelände der MV-Werften mit Krananlagen, einem ehemaligen Wohnschiff für Werftarbeiter und der großen Schiffbauhalle. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

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"Es ist belastend, aber wir gucken nach vorne"

Die knapp 2.000 Werft-Mitarbeiter an der Ostseeküste stehen nun vor einer ungewissen Zukunft. "Die Stimmung ist betrübt", sagte ein Werftarbeiter einem NDR Reporter beim Verlassen des Werftgeländes in Wismar am Mittag. "Überraschend ist es nicht ganz. Es ist belastend, aber wir gucken nach vorne. Was soll's", sagte ein anderer. Die Chefin des Gesamtbetriebsrats, Ines Scheel, drückte es dratischer aus: "Mir geht's scheiße. Wir sind natürlich frustriert, dass es nicht doch noch zu einer gemeinsamen Lösung gekommen ist." Frust herrsche auch unter den Mitarbeitern vor, man habe bis zum letzten Tag gekämpft. Die Hoffnungen richteten sich nun auf eine schnelle Lösung für die Dezember-Gehälter und die Möglichkeit, das Schiff weiterbauen zu können, so Scheel.

Die MV-Werften hatten am vergangenen Freitag erklärt, man könne die Löhne nicht zahlen - ein deutlicher Hinweis darauf, dass dem Unternehmen das Geld ausgegangen ist. Zudem hängen bei Zulieferern viele Arbeitsplätze an den Werften. Die Mitarbeiter müssen erst einmal bei der Arbeitsagentur Insolvenzausfall-Geld beantragen. Vieles könnte dann von einem möglichen Insolvenzverwalter abhängen, und davon, wie er das Unternehmen weiterführen will.

Wirtschaftsminister moniert "Schwarzer-Peter-Spiel"

Wirtschaftsminister Meyer sprach von einem Schwarze-Peter-Spiel im Ringen um die Werften. Es sei im Interesse der Landesregierung, der Beschäftigten und des Schiffbaus, die Werftenstandorte zu erhalten, hatte er noch am Sonntag betont. Möglicherweise hat auch die Klage der Werften gegen das Land die Fronten verhärtet. Die Werften forderten die Auszahlung von 78 Millionen Euro. Dies sei 2021 vereinbart worden, sollte Genting eine gewisse Liquiditätsschwelle erreichen, hieß es. Doch das Landgericht Schwerin war vergangene Woche davon ausgegangen, dass die aktuellen Liquiditätsprobleme des Konzerns so nicht gelöst werden könnten. Der für Dienstag (11. Januar) angesetzte Gerichtstermin soll dem Vernehmen nach weiter Bestand haben.

Werften waren das "industrielle Herz des Landes"

Eine Insolvenz der Werften ist ein herber Schlag für den Wirtschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern. Ministerpräsidentin Schwesig hatte die Werften wiederholt als das "industrielle Herz des Landes" bezeichnet. Die Werften in Wismar, Rostock und Stralsund gehören seit 2016 dem börsennotierten Glücksspiel- und Kreuzfahrtkonzern Genting aus Hongkong. Der Einbruch des Geschäfts mit Kreuzfahrten in der Corona-Krise hatten den Mutterkonzern in finanzielle Schwierigkeiten gebracht.

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Wismar: Genting-Manager Carsten Haake (l-r), Colin Au, Gustaf Gronberg und Peter Andersson geben auf der MV Werft in Wismar Auskunft über die weitere Entwicklung auf den Werften in Wismar, Rostock und Stralsund. © dpa-Bildfunk Foto: Frank Hormann/dpa-Zentralbild/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 10.01.2022 | 18:00 Uhr

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