Stand: 15.01.2020 17:00 Uhr

Kurzarbeit in Autoindustrie falsches Instrument

Die Arbeitgeber haben die Bundesregierung vor dem "Autogipfel" im Kanzleramt aufgefordert, den Zugang zum Kurzarbeitergeld für Unternehmen zu erleichtern. Das wollen auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Ist das sinnvoll?

Ein Kommentar von Arne Schulz, NDR Info

NDR Info Redakteur Arne Schulz. © Arne Schulz
Arne Schulz ist der Meinung, dass Kurzarbeit derzeit das falsche Instrument in der Autoindustrie ist.

Spätestens seit der Wirtschaftskrise vor etwa zehn Jahren ist das Kurzarbeitergeld so etwas wie der Superstar unter den arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Nur zur Erinnerung: Die Idee dahinter ist einfach, aber bestechend. Bekommt eine Firma in einer Krise keine neuen Aufträge, muss sie über kurz oder lang ihre Mitarbeiter entlassen. Stattdessen kann sie aber auch die Beschäftigten in Kurzarbeit schicken. Der Staat übernimmt dann für einen begrenzten Zeitraum den Großteil des ausgefallenen Lohns. Davon profitieren alle: Die Firma geht nicht pleite und kann nach der Krise ihre Produktion schnell wieder hochfahren. Die Mitarbeiter behalten ihre Arbeit. Und für den Staat ist die Bezahlung der Löhne oft deutlich günstiger als die Vermittlung von Hunderttausenden Arbeitslosen in neue Jobs. Kein Wunder also, dass die Kurzarbeit so viele Fans hat.

Kurzarbeit wirkt nur unter ganz bestimmten Bedingungen

Wenig erstaunlich ist auch, dass sich Politik, Gewerkschaften und Unternehmen gerade jetzt an dieses Instrument erinnern. Denn nach einer langen Phase des Aufschwungs ist die Wirtschaft in diesem Jahr nur noch langsam gewachsen. Arbeitsminister Hubertus Heil möchte nun, dass die Beschäftigten von heute auch die Arbeit von morgen machen können. Das klingt griffig. Doch die Kurzarbeit ist für diesen Zweck wahrscheinlich das falsche Instrument. Denn Kurzarbeit - das ist belegt - wirkt nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Nämlich dann, wenn es der Wirtschaft richtig schlecht geht und wenn die Krise der Unternehmen konjunkturell ist, also auf die allgemein schlechte Lage der Wirtschaft zurückgeht.

Bei einer strukturellen Krise oft kontraproduktiv

Die Autobranche aber kriselt ja nicht nur wegen der allgemeinen Lage, sondern auch weil sie den Wandel zur E-Mobilität lange verschlafen hat und jetzt mit gewaltigen Investitionen nachziehen muss. Es geht hier also, zumindest teilweise, auch um eine strukturelle Krise. Und in solchen Fällen ist ein Kurzarbeitergeld oft kontraproduktiv. Im schlimmsten Fall werden damit nämlich Hersteller künstlich am Leben gehalten, die ohnehin nicht mehr zu retten sind - und das auf Kosten der Allgemeinheit.

Mal ganz konkret gefragt: Warum sollte der Staat einen Autohersteller stützen, der sich beharrlich weigert, auf E-Autos umzustellen und der deswegen in eine Krise stürzt? Wäre das nicht herausgeworfenes Geld? Sollte der Staat da nicht besser direkt in die betroffenen Mitarbeiter investieren - ihnen Fortbildungen bezahlen oder Umschulungen? Zwar möchte Bundesarbeitsminister Heil die Kurzarbeit nicht pauschal länger gewähren, sondern nur, wenn die betroffenen Mitarbeiter in dieser Zeit auch Fortbildungen belegen. Doch auch das macht die Sache nicht unbedingt besser.

Sind diese Anreize nötig?

Volkswagen hat bereits viele Tausend Mitarbeiter für den Bau von Elektro-Autos umgeschult - auf eigene Kosten. Wo die Unternehmen ein Geschäftsmodell sehen, da investieren sie selbst in die nötigen Qualifikationen ihrer Mitarbeiter. Setzt der Staat hier neue Anreize, nehmen die Unternehmen das sicher gerne mit. Aber sind diese Anreize auch nötig? Also, noch einmal: Kurzarbeit ist eine super Sache, grundsätzlich. Als Hilfe für eine Autoindustrie im Wandel taugt sie aber eher nicht. Auch in der Politik ist weniger manchmal mehr.

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NDR Info | Kommentar | 15.01.2020 | 17:08 Uhr