Stand: 03.06.2020 17:00 Uhr

Kommentar: "Corona-Leichtsinn schadet allen"

Nach einem massenhaften Ausbruch des Coronavirus in Göttingen im Zuge von Familienfeiern hat die Stadt bis einschließlich Sonntag alle Schulen geschlossen. Zudem wurden weitere Lockerungen zurückgenommen: Mannschafts- und Kontaktsport in Vereinen ist für vorerst zwei Wochen verboten, weil viele der aktuell Infizierten Mannschaftssport betreiben. Außerdem wird ein Schwimmbad geschlossen.

Ein Kommentar von Wieland Gabcke, NDR Studio Göttingen

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Der Schwerpunkt des Corona-Ausbruchs in Göttingen liegt in einem Hochhaus am Rand der Innenstadt.

Verantwortungslos, uneinsichtig, unverzeihbar. So bezeichnete die Göttinger Sozialdezernentin Petra Broistedt die Ignoranz, die bei den Familienfeiern zum Ende des Ramadan geherrscht haben muss. Ignoranz deswegen, weil der 1,5 Meter Sicherheitsabstand, um sich vor dem Coronavirus so gut wie möglich zu schützen, weiterhin gilt. Und dieser Sicherheitsabstand scheint bei den Familienfeiern nicht eingehalten worden zu sein.

Schulen müssen alles neu organisieren

Was wird teilweise für ein Aufwand getrieben, um infektionsschutzgerechte Hochzeiten, Beerdigungen oder Demonstrationen durchzuführen! Der Corona-Ausbruch von Göttingen zeigt: Wer sich um das Virus nicht schert, sorgt dafür, dass am Ende die Allgemeinheit darunter leidet. Alle Schulen sind in Göttingen geschlossen, da hat die Stadt - nach Protest von Elternräten - richtig gehandelt. Klar, zu Hause bleiben zu können, wird einige Schülerinnen und Schüler auch freuen. Aber für viele ist es belastend. Bei vielen steht der Schulabschluss an, es gibt mit dem Stufenplan des Landes zumindest einen Rahmen für direkten Unterricht in der Schule. Doch jetzt müssen Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Kinder und Jugendliche in Göttingen wieder ganz schnell alles neu organisieren.

Auch andere handeln verantwortungslos

Gleichzeitig hat die Debatte um den Corona-Ausbruch nach Familienfeiern zum Ende des Ramadan aber auch einen braunen Beigeschmack: Ressentiments und Vorurteile schwingen mit, wenn die Worte Großfamilien und Zuckerfest fallen: auf der Straße, in den sogenannten sozialen Netzwerken oder in Pressemitteilungen von manchen Bundestagsabgeordneten. Ja, das Verhalten dieser Familien war offensichtlich verantwortungslos. Das heißt aber nicht, dass alle Großfamilien verantwortungslos handeln. Das können auch andere.

Zum Beispiel rund 3.000 dicht gedrängte Technofans in Gummibooten auf dem Kreuzberger Landwehrkanal in Berlin. Zum Beispiel wenn in Schlachthöfen nicht auf die Gesundheit der Beschäftigten geachtet wird. Zum Beispiel, wenn der Staat Geflüchtete in Sammellagern unterbringt.

Bis die Pandemie vorbei ist

Die Pandemie wird unseren Alltag noch lange bestimmen, auch wenn die Behörden die Zügel immer weiter lockern. Das ist auch richtig so, denn die Gesellschaft dauerhaft in die eigenen vier Wände zu verweisen, das geht auf Dauer nicht gut. Doch der schrittweise Weg zurück in das gesellschaftliche Leben funktioniert nur, wenn sich alle weiter der Gefahren durch das Coronavirus bewusst sind, Abstände eingehalten und keine rauschenden Feste gefeiert werden. Bis die Pandemie vorbei ist.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | 03.06.2020 | 17:08 Uhr