Dampf steigt aus den Kühltürmen des Atomkraftwerks Grohnde auf © picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte

Kommentar: Wie grün ist Atomkraft?

Stand: 09.01.2022 07:06 Uhr

Die EU-Kommission will Atomkraft und Erdgas ein grünes Label verleihen. Atom- und Gaskraftwerke wären dann als nachhaltig eingestuft. Der Streit darum ist heftig entbrannt.

Dampf steigt aus den Kühltürmen des Atomkraftwerks Grohnde auf © picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte
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Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Markus Feldenkirchen ("Der Spiegel")

Die EU-Kommission will Investitionen in die Atomkraft und in Erdgas also künftig als "grün" beziehungsweise "nachhaltig" bezeichnen. Neben klimafreundlichen Technologien wie Wind und Solar soll nun auch die böse Atomkraft und das böse Gas in die sogenannte Taxonomie aufgenommen werden, mit der Investoren eine Orientierung gegeben werden soll, welche Investitionen klima- und umweltfreundlich sind. Es handelt sich um eine Art europäisches Ökosiegel für Finanzinvestitionen.

Die Empörung über diesen etwas überraschenden Schritt ist nirgendwo größer als in Deutschland - und dort vor allem in den Reihen der mitregierenden Grünen. Das ist auch verständlich: Denn der Ausstieg aus der Atomkraft, zu Beginn der Nuller-Jahre erkämpft, ist der mit Abstand größte Erfolg, den die Grünen in ihrer Geschichte erreichen konnten. Deshalb ist Jürgen Trittin auch bis heute ihr erfolgreichster Minister, weil er den Ausstieg als Bundesumweltminister gegen allergrößte Widerstände der Energie-Lobby durchsetzen konnte.

Kein Bewusstsein für den Klimawandel vor 20 Jahren

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Markus Feldenkirchen meint, dass als Brückentechnologie sowohl Gas als auch die Atomkraft gebraucht wird.

Ich kann mich noch gut an die Zeit dieser großen gesellschaftlichen Auseinandersetzung erinnern. Wer wie ich für das rasche Ende der Kernenergie war, dem kam es damals vor, als gäbe es keine größere, keine bedeutendere Entscheidung für die Zukunft der Menschheit. Eine enorme Dringlichkeit lag damals in der Luft. Der Planet musste vor dem Super-GAU gerettet werden: der radioaktiven Verseuchung. Es ist schon verblüffend, wie schnell sich Perspektiven verschieben, wie schnell auch Bedrohungs- und Angst-Szenarien wechseln können. Kaum jemand sprach damals über den Klimawandel, über CO2-Reduktionen, geschweige denn über CO2-Neutralität, kaum jemand über steigende Meeresspiegel, über klimatische Kipppunkte oder über das 1,5-Grad-Ziel. Wenn erst mal das letzte AKW vom Netz sei, sei das wichtigste geschafft. So dachte man damals wirklich.

Aus heutiger Sicht muss man sagen: Hätte es vor 20 Jahren auch nur annähernd ein Bewusstsein für den Klimawandel gegeben, man hätte erst mal alle Anstrengungen auf den Ausstieg aus der Kohle gerichtet - weit vor der Kernenergie. Natürlich ist Kernkraft trotzdem nicht wirklich nachhaltig. Vor allem, weil noch immer völlig offen ist, wo der radioaktive Atommüll sicher gelagert werden soll, ohne doch noch die Welt, und ja, auch die Umwelt, zu verstrahlen. Der Bau neuer Kraftwerke würde zudem ewig dauern, viel länger als neue Windparks. Und trotzdem kann man nicht leugnen, dass die Atomkraft nahezu klimaneutral ist. Der CO2-Ausstoß von Atomkraftwerken ist laut Weltklimarat nur minimal höher als der von Windkraftanlagen, Bau und Transport inklusive. Wobei neuere Meiler auch deutlich sicherer sind als alte. Gerade in Deutschland und Europa.

"Grüne sind Gefangene der eigenen Geschichte"

Wenn der Klimawandel so gravierend ist, wie uns gerade Vertreter der Grünen zu Recht erzählen, dann müsste man dort auch klar Stellung beziehen und sagen: die Kohlekraft ist das Allerschädlichste - und Erdgas im Vergleich zur Kernkraft immer noch weitaus klimaschädlicher. Aber da drucksen die Grünen doch erheblich herum. Das klar und nüchtern auszusprechen, fällt ihnen bislang ziemlich schwer. Und da ist die Partei dann auch Gefangene ihrer eigenen Geschichte. Man kann nämlich sagen, dass es die Grünen ohne die Anti-AKW-Bewegung als Vorläufer vermutlich gar nicht gäbe. Zumindest nicht in der heutigen Form. Und diese Wurzeln dürfen natürlich auch heute nicht verraten werden. Auch deshalb sind die Grünen dieser Tage bei der Frage der Brückentechnologien etwas zu ideologisch und etwas zu wenig pragmatisch unterwegs.

Wer heute realistisch auf die Lage schaut, muss nüchtern festhalten: Als Brückentechnologie wird sowohl Gas als auch die Atomkraft gebraucht. Und nein, das muss nicht bedeuten, dass in Deutschland neue Atomkraftwerke gebaut werden. Es muss auch nicht heißen, dass die alten länger als geplant am Netz bleiben müssen. Wenn der Ausbau von Wind- und Solarenergie - anders als in den vergangenen Jahren - endlich wieder zügig vorangeht, kann man sich das ersparen. Wenn nicht, muss man die Lage neu taxieren - und erneut pragmatisch handeln. Das könnte dann bedeuten, die Laufzeiten der Kernkraftwerke vielleicht doch noch ein paar Jahre zu verlängern.

Aber das Schöne ist: Man hat es selbst in der Hand. Je beherzter und intelligenter der Ausbau der echten, weil erneuerbaren grünen Energien vorangetrieben wird, desto kürzer wird man sich mit unschönen Übergangstechnologien und seltsamen Begriffsdefinitionen aus Brüssel abfinden müssen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Blick auf das Atomkraftwerk Grohnde. © picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte

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NDR Info | Kommentar | 09.01.2022 | 09:25 Uhr