Stand: 12.09.2021 06:00 Uhr

Kommentar: Wenig Debatte im Wahlkampf

Zur Krisenbewältigung gehört eine offen geführte Debatte. Und Krisen gibt es derzeit genügend zu bewältigen, der Wahlkampf spiegelt das wider.

Ein Kommentar von Ulrich Schönborn, Chefredakteur der "Nordwest-Zeitung"

Ulrich Schönborn Chefredakteur Nordwest-Zeitung © Nordwest-Zeitung Foto: Johannes Bichmann
Ulrich Schönborn findet es reizvoller, sich mit Meinungen auseinanderzusetzen, die er nicht teilt.

Wer heute das politische Geschehen kommentiert, muss ein dickes Fell haben. Neben der erhofften kontroversen und gern auch kernigen inhaltlichen Auseinandersetzung gehören Reaktionen mit persönlichen Angriffen, Diskriminierungen und pauschalen Abqualifizierungen inzwischen zum Alltag. Die Hemmschwelle sinkt, die Empörung steigt. Der Ton in der öffentlichen Debatte wird rauer. Das zeigt sich derzeit auch im heißer werdenden Wahlkampf.

Immer mehr setzen andere Blickwinkel auf den Index

Immer mehr Menschen machen zudem die Qualität einer Debatte daran fest, ob sie die eigene Meinung widerspiegelt - und setzen andere Blickwinkel auf den Index. Das ist vor allem bei aktuell ohnehin polarisierenden Themen wie der Flüchtlingspolitik, der Gendersprache, der Corona-Pandemie und dem Klimawandel zu beobachten. Befeuert wird dieser Verlust von Kommunikations- und Diskussionskultur in den aufgeheizten Meinungsblasen der neuen, so genannten Sozialen Medien - auf Twitter, Facebook und Co.

Die klassischen Medien, also Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, werden dabei zur Projektionsfläche vieler Vorurteile. Wir seien von der Industrie gekauft und von der Regierung manipuliert, hören wir immer wieder. Die Pegida-Bewegung hat den üblen Begriff der "Lügenpresse" in die Welt gesetzt. Der "Mainstream" wurde zum Schimpfwort. Positionierung wird gefordert, aber immer seltener toleriert, wenn ein Kommentar dann mal nicht der eigenen Position entspricht. Dabei liegt es in der Natur eines Kommentars, dass er klar Stellung bezieht und somit nicht jedem gefallen kann. Entscheidend ist die Breite der Debatte und die Bereitschaft, sich auf andere Sichtweisen einzulassen.

Sollen wir nicht besser kontroverse Debatten anstoßen?

Hier stellt sich die Frage, welche Aufgabe wir als klassische Medien im Wettstreit der vielen Kanäle, Plattformen und Foren haben. Sollen auch wir uns in Meinungsblasen wie auf Twitter, Facebook & Co. verlieren? Oder sollen wir - begleitend zu fundierter Berichterstattung - nicht besser kontroverse Debatten anstoßen, ein Thema auch mal gegen den Strich bürsten, und unterschiedliche Standpunkte bündeln und widerspiegeln?

Ich jedenfalls finde es reizvoller, mich mit Meinungen auseinanderzusetzen, die ich nicht teile, als nur das an mich heranzulassen, was ohnehin in mein Koordinatensystem passt - immer vorausgesetzt, dass der Meinungsaustausch nicht beleidigend, nicht diskriminierend, verschwörungsraunend oder völlig frei von faktenbasiertem Wissen ist. Wenn ich mit jemandem streite, der anderer Meinung ist, muss ich argumentieren und meine Position und mein Wissen überprüfen. Ich muss mein Gegenüber überzeugen - und bereit sein, mich überzeugen zu lassen, wenn er die besseren Argumente hat. Das sind die Grundlagen der Meinungsbildung, die wiederum eine der wichtigsten Grundlagen demokratischer Entscheidungen ist.

Populisten und Extremisten nicht das Feld überlassen

In der öffentlichen Debatte als Grundlage demokratischer Entscheidungen dürfen wir den Populisten und Extremisten nicht das Feld überlassen, die auf komplizierte Fragen vermeintlich einfache Antworten geben und Ideologie über Lebenswirklichkeit stellen. Und auch nicht den notorischen Lautsprechern, die auf Pegida-Märschen, Querdenker-Demos und auf dem Resonanzboden der Sozialen Medien ohne inhaltliche Substanz Hass und Zwietracht säen und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen.

Viele große Herausforderungen warten auf uns: Die Bewältigung der Corona-Pandemie.

  • Die Digitalisierung, die in diesem Wahlkampf übrigens sträflich vernachlässigt wird.
  • Die Erhebung und Verteilung von Steuern.
  • Die Zukunft der Rente.
  • Und vor allem der Umgang mit dem wegen seiner Dringlichkeit und seiner globalen Komplexität alles überlagernden Klimawandel.

Diese Herausforderungen müssen wir auf der Basis demokratisch herbeigeführter Mehrheitsentscheidungen meistern. Ganz bitter wäre es, wenn am Ende die Erkenntnis bliebe, dass Krisen mit demokratischen Mitteln nicht mehr zu bewältigen sind. 

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 12.09.2021 | 09:25 Uhr