Im Ortsteil Blessem in Erftstadt steht nach einem Unwetter ein Gebäude an einer Erd-Abbruchkante. © dpa bildfunk Foto: David Young

Kommentar: Weckrufe aus NRW und Rheinland-Pfalz ernst nehmen

Stand: 16.07.2021 15:54 Uhr

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält nach der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verstärkte Maßnahmen zum Klimaschutz für dringend geboten. Nur dann ließen sich solche Extremwetterlagen in Grenzen halten. Auch die Wetterexperten Karsten Schwanke und Sven Plöger nannten in Interviews auf NDR Info den Klimawandel als Grund für die aktuellen Wetterereignisse.

Menschen schauen in dem Ort Schuld im Kreis Ahrweiler nach dem Unwetter auf die Zerstörungen.  Foto: Harald Tittel/dpa
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Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich habe genug von der Debatte, ob die fürchterlichen Katastrophen, die wir gerade erleben, vom Klimawandel verstärkt werden oder nicht. Ich finde, das bindet nur Kräfte und Energien, die wir dringend dafür brauchen, den Klimawandel abzumildern und die Folgen zu begrenzen.

Dass wir diese Naturgewalt nicht ernst genug nehmen, haben die letzten Tage gezeigt. Wo ist das Warnsystem, das Kommunen, Dörfer, Gemeinden rechtzeitig auf einen Starkregen dieses Ausmaßes vorbereitet? Wo sind die Spezialisten, die jährlich alle Talsperren geprüft, verstärkt und erhöht haben? Wo sind die Stadtplanerinnen und -planer, die Stopp rufen, wenn die Böden versiegelt werden, obwohl das dazu führt, dass Bäche zu rauschenden Fluten werden?

Trotz Warnungen hat sich bisher zu wenig getan

Verena Gonsch © NDR Foto: Christian Spielmann
Verena Gonsch meint, dass die richtigen Konzepte bereits vorliegen - und nur umgesetzt werden müssen.

Seit zwanzig Jahren ist Fachkräften aus Klimawissenschaft, Städtebau, Städteplanung und Wasserwirtschaft sehr wohl klar, was jetzt und in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Getan hat sich zu wenig. Das ist durchaus vergleichbar mit dem Corona-Schock. Auch dort haben Expertinnen und Experten seit Jahren vor einer Pandemie gewarnt. Passiert ist wenig bis gar nichts. Jetzt müssen wir seit anderthalb Jahren mit einem unglaublichen Aufwand an Geld und psychischer Kraft diese Katastrophe schultern. Eine bessere Vorbereitung hätte uns allen geholfen.

So ist es auch beim Klimawandel. Die Hitzetoten, die es jeden Sommer in den europäischen Hauptstädten gibt, nehmen Jahr für Jahr zu. Je heißer die Sommer, desto mehr Opfer. Wir nehmen das achselzuckend hin. Wo sind die Warnsysteme vor heißen Tagen? Wo sind die Wasserspender an jeder Ecke, um sich bei Temperaturen von über 30 Grad kostenlos abzukühlen? Wo sind die öffentlichen Gebäude und Tiefgaragen, die selbstverständlich für alle öffnen? Wo sind die Förderprogramme, um Wärmepumpen gleichzeitig als Kältepumpen auszustatten?

Norddeutschland muss sich besser gegen Waldbrände wappnen

Wir tun weiter so, als wäre das veränderte Wetter mit seinen Schrecken nur eine Laune der Natur, die sich sicherlich im nächsten Jahr wieder gibt. Wird sie aber nicht. Die vergangenen Jahre waren die wärmsten in der Geschichte der Wetteraufzeichnung. Ich kann nur hoffen, dass die Überschwemmungen dieser Tage ein Weckruf sind. Ein Weckruf dafür, die Häuser, Dörfer, Gemeinden und Kommunen fit zu machen für die Klimaveränderungen.

Und dass es auch für Norddeutschland an diesem Wochenende eine Mahnung ist, die Waldbrandgefahr ernst zu nehmen, die Dürre der Wälder ernst zu nehmen. Den Schulkindern schon zu erklären, wie sie sich im Wald verhalten. Sich von den USA abzuschauen, wie man Brände bekämpft. Die Feuerwehren aufzurüsten. Die Wälder mit Mischbewaldung aufzuforsten. Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten, was zu tun ist. Die Konzepte liegen in der Schublade. Wir müssen sie nur umsetzen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 16.07.2021 | 17:10 Uhr