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Kommentar: Pegasus ist der Tod einer lebendigen Zivilgesellschaft

Stand: 19.07.2021 18:57 Uhr

Die Software Pegasus soll nur zur Verfolgung Krimineller und Terroristen genutzt werden. Doch weltweit sind offenbar Journalisten und Oppositionelle mit dieser mächtigen Spionagesoftware ausgespäht worden. Das betrifft uns alle, meint Reporter Marc Hoffmann. Denn solche hochgefährlichen Waffen können unser freiheitliches Leben zerstören.

Ein Kommentar von Marc Hoffmann, NDR Info

Tausende Journalisten, Aktivisten, Oppositionelle weltweit wurden ausgespäht. Und zwar mit der wohl potentesten Spionagesoftware, die derzeit auf dem Markt zu bekommen ist. Das passierte nicht zufällig oder aus Versehen, sondern gezielt - darauf deutet jedenfalls alles hin, was das Journalistenkonsortium rund um die Non-Profit-Organisation "Forbidden Stories" herausgefunden hat. 

Für einige mag das so klingen, als gehe es nur um uns Journalisten, um unsere persönlichen Befindlichkeiten, wenn wir sorgenvoll davon berichten, wie es einigen unserer Kolleginnen und Kollegen in weniger demokratischen Ecken der Welt ergeht. Übrigens: Die erste Ecke ist gar nicht so weit entfernt und liegt in einem EU-Mitgliedsland.

Marc Hoffmann © Saarländischer Rundfunk
Es braucht wirksame Regeln für den Handel mit hochgerüsteter Spionagesoftware, meint Marc Hoffmann.
Videos, Mikrofon, Chats: Pegasus sieht, liest und hört alles

Aber es geht hier nicht ausschließlich um uns in den Redaktionen. Dahinter steht tatsächlich eine große und gewichtige Frage: Wollen wir so etwas wie digitale Waffengeschäfte erlauben, so ungezügelt und wenig reguliert, wie sie derzeit laufen? Denn hochgefährliche Waffen, die freiheitliches Leben zerstören können, das sind Spähprogramme wie Pegasus allemal.

Klar, die allermeisten in Deutschland, egal ob Journalisten oder Nicht-Journalisten, müssen sich keine Sorgen machen, dass Pegasus auf sie losgelassen wird. Pegasus ist kein Werkzeug der Massen-Spionage, vor der Snowden einst warnte. Das Programm der israelischen Technologie-Schmiede NSO ist teuer und staatliche Behörden, die Pegasus gekauft haben, können damit nur auf einzelne, ausgewählte Personen zielen. Aber wenn sich das geflügelte Software-Pferd Pegasus erst einmal auf dem Iphone oder Android-Handy still und heimlich eingenistet hat, sind die Betroffenen praktisch ausgeliefert. Polizei und Geheimdienste können alles mitlesen und -hören, auf Kalendereinträge, Fotos, Video und Standort-Daten zugreifen. Selbst verschlüsselte Chats sind kein Problem. Kamera und Mikrofon im Smartphone lassen sich aus der Ferne aktivieren. Dies macht das infizierte Handy zur digitalen Wanze. Die Opfer merken in der Regel überhaupt nichts davon. 

"Die Pegasus-Opfer sind erpressbar"

Im Kampf gegen organisierte Kriminalität und Terroristen mag der Einsatz von ausgefeilter digitaler Überwachungssoftware gerechtfertigt sein. Auch wenn es Definitionssache bleibt, wer Terrorist ist. Für Oppositionelle jedenfalls, für Aktivisten und ja auch für Journalisten ist es der schlimmste anzunehmende Fall. Dann nämlich, wenn plötzlich Informanten geoutet werden, wenn höchst vertrauliche Gespräche durch Pegasus plötzlich gar nicht mehr so geheim sind und wenn Autokraten und Diktatoren aus der Ferne das gesamte Privatleben ihrer Kritiker mitverfolgen können.

Die Pegasus-Opfer sind erpressbar. So lässt sich Protest und freie Meinungsäußerung frühzeitig, schon im Keim ersticken. Das ist der Tod einer lebendigen Zivilgesellschaft. Bekämpft mit einer lautlosen, unsichtbaren Waffe wie Pegasus eine ist. Deswegen müssen endlich wirksame Regeln her, um den Handel mit dieser hochgerüsteten Spionagesoftware zu zügeln.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 19.07.2021 | 18:55 Uhr