Ein Impfpass und ein Smartphone, auf dem die App CovPass läuft, liegen auf einem Impfzertifikat. © picture alliance/dpa/Stefan Puchner Foto: Stefan Puchner

Kommentar: Kommt die pandemische Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Stand: 06.08.2021 14:04 Uhr

Sollte es bald unterschiedliche Rechte für gegen Corona Geimpfte und Ungeimpfte geben? Diese Debatte wird in Deutschland gerade leidenschaftlich geführt. Und bei manchen mit angezogener Handbremse. Grund ist der Wahlkampf und die Angst, Wählerinnen und Wähler zu verprellen. Die bevorstehende Wahl darf aber nicht dazu führen, statt des Richtigen das vermeintlich Populäre zu tun.

Der NDR Info Wochenkommentar von Gordon Repinski, stellvertretender Chefredakteur von "ThePioneer".

Es sollte ein super Sommer werden, so hat es sogar SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach versprochen. Wir würden draußen und geimpft sein und Stück für Stück würde die Pandemie aus unserem Alltag und aus unseren Gedanken verschwinden. Es waren die Prognosen selbst von denen, die sonst vor allem durch ihre Warnungen aufgefallen sind. Sie sind nicht ganz aufgegangen.

Bleibt es bei der Gleichbehandlung von Geimpften und Ungeimpften?

Gordon Repinski stellv. Chefredakteur und Leiter d. Hauptstadtbüros vom RND RedaktionsNetzwerk Deutschland © RND RedaktionsNetzwerk Deutschland Berlin GmbH Foto: Maurice Weiss
Angst vor unpopulären Entscheidungen sollte und darf die Politik nicht haben, meint Gordon Repinski.

Das Corona-Virus scheint uns in diesem Sommer erneut einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen. Delta ist im Vormarsch - und auch wenn die Infektionszahlen bisher nur moderat steigen, scheint sich die vierte Welle, im Herbst oder vorher, nicht mehr aufhalten zu lassen. Doch was bedeutet das für die Corona-Politik in einer Gesellschaft, die sich längst in der Postpandemischen Phase wähnte? Wird es neue Einschränkungen geben, vielleicht sogar einen Lockdown?  

Die Antwort ist: nein - aber... Und dieses Nein mit dem angehängten "aber" hat einen Grund: Die Politik wird in wenigen Wochen eine komplizierte Frage beantworten müssen: Wird es einen Unterschied geben zwischen Geimpften und Getesteten oder bleibt es bei der bisher praktizierten Gleichbehandlung? 

Verordnete Kontaktbeschränkung lässt sich nicht mehr rechtfertigen

Um es vorweg zu nehmen: So unfair es manchem erscheinen mag - der Einstieg in die pandemische Zwei-Klassen-Gesellschaft wird kommen, und das auch zu recht. Statistiken zeigen zu Genüge, dass Geimpfte viel seltener von Infektionen mit dem Corona-Virus betroffen sind, im Falle einer Infektion kaum noch ins Krankenhaus müssen und sich die Lebensgefahr noch einmal weiter minimiert.

Und Geimpfte sind - nach allem, was man bisher weiß - auch weniger ansteckend, und damit auch weniger eine Gefahr für die Allgemeinheit. Mit dieser Erkenntnis lässt sich eine Grundrechtsbeschneidung wie die staatliche verordnete Kontaktbeschränkung zum Beispiel nicht mehr rechtfertigen - selbst wenn die Infektionszahlen doch noch einmal deutlich nach oben gehen sollten. 

Und es ist eben auch ein Unterschied zu den Getesteten vorhanden: Gerade die vielfach praktizierten Schnelltests sind noch immer lange nicht präzise genug, um Fehler zu vermeiden. Und wenn auf einer Großveranstaltung unter 10.000 Getesteten eben doch 10, 20 oder 100 mit dem Corona-Virus infizierte Menschen beieinander sind, dann ist plötzlich eine konkrete Gefahr für alle anderen gegeben. 

Die Politik scheut die Folgen dieser Erkenntnis bisher, und zwar gerade diejenigen, die im Wahlkampf stecken. Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet fürchtet im Endspurt den Protest der Straße und gibt sich volksnah-liberal. Aber eben auch im falschen Bereich populistisch.

Anreiz für Impfungen schaffen

Laschet sieht das Beispiel Frankreichs, wo Präsident Emmanuel Macron genau diese Unterteilung zwischen Geimpften und Getesteten vollzogen hat. Restaurants und Clubs etwa sind nur noch für jene mit Vakzin geöffnet. Und ja, es gab und es gibt Proteste. Aber auf der anderen Seite stehen eben auch Hunderttausende, die sich in den vergangenen Wochen impfen ließen und dieses wohl sonst nicht getan hätten. Denn in Frankreich, genau wie in Deutschland, ging die Bereitschaft für Impfungen in den vergangenen Wochen immer weiter zurück. Zumindest bei unserem Nachbar hat sich das geändert. Denn plötzlich war ein neuer Anreiz für die Impfung da. 

Die Zahlen zeigen, dass diese Pandemie nur besiegbar ist, wenn wir uns dagegen schützen, also wenn wir uns impfen lassen, sofern wir es gesundheitlich können zumindest. Es ist eine einfache Erkenntnis, die auch die Corona-Politik leiten sollte. Angst vor unpopulären Entscheidungen sollte und darf die Politik nicht haben. Wer jetzt, auf der Zielgeraden, das Richtige dem vermeintlich Populären unterordnet, der macht einen schweren Fehler in der schwersten Krise dieses Landes seit Jahrzehnten. 

Und der sollte dann auch nicht Verantwortung für das Land übernehmen, und es durch zukünftige Krisen steuern.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 08.08.2021 | 09:25 Uhr