Stand: 24.09.2020 19:57 Uhr

Kommentar: Katholische Kirche hat große Chance vertan

Die katholischen Bischöfe in Deutschland haben sich bei ihrer Herbstvollversammlung nach jahrelangen Debatten auf ein einheitliches Verfahren zur Anerkennung des Leides von Missbrauchsopfern in der Kirche verständigt. Es soll am 1. Januar starten, wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, mitteilte. Florian Breitmeier kommentiert die Beschlüsse.

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Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann

Bischofskonferenz und Missbrauch: Enttäuschung bei Betroffenen

Bei ihrer Herbst-Vollversammlung haben die katholischen Bischöfe beschlossen, Betroffenen sexualisierter Gewalt bis zu 50.000 Euro zu zahlen. Ein Gespräch mit Florian Breitmeier von NDR Kultur. mehr

Betroffene sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche sollen künftig bis zu 50.000 Euro von den Bistümern erhalten. Das alles auf Grundlage einer einheitlichen und verbindlichen Ordnung sowie über ein zentrales und unabhängiges Gremium, das über die Anträge entscheidet und die Zahlungen veranlasst. Und: Die Bischöfe wollen sich bei den Zahlungen am oberen Bereich der in Schmerzensgeldtabellen festgeschriebenen und in Gerichtsurteilen genannten Summen orientieren. Das alles klingt erst einmal gut. Zumal, wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche tatsächlich die erste große Institution in Deutschland ist, die sich zu diesem einheitlichen Verfahren entschlossen hat. Die evangelische Kirche oder Sportverbände hinken da noch eklatant hinterher. Und doch ist der Schritt, den die katholische Kirche nun in Fulda offensiv als eine Weiterentwicklung des Verfahrens zur Anerkennung des Leids bezeichnet hat, unter dem Strich viel zu wenig.

Was ist mit den Folgeschäden?

Das liegt daran, weil die katholische Kirche mit Blick auf die zu zahlenden Summen nur die Tat an sich in den Blick nimmt, also das direkte Verbrechen in einem ganz bestimmten Moment. Doch was ist mit den Folgeschäden, die die Betroffenen durch den Missbrauch erlitten haben? Vieles hat sich nach der Tat vielleicht erst langsam entwickelt, wurde vielleicht verdrängt oder jahrelang massiv betäubt, zum Beispiel durch Drogen. Betroffene, die unter Krankheiten leiden, Phobien entwickeln, zerbrochene Erwerbsbiografien aufweisen, beruflich unter ihren Möglichkeiten bleiben, deren Beziehungen scheitern. All das wollen die Bischöfe in finanzieller Hinsicht nicht berücksichtigen.

Therapien und Gespräche, aber keine Entschädigung

Sie bieten Therapien, Gespräche und Beratung an, aber zahlen wollen sie für die Folgeschäden des Missbrauchs nicht. Und finanziell geradestehen für systematische Vertuschungen durch Kleriker, für quälende Hinhalte-Taktiken, kirchenjuristische Machtspiele - auch das wollen die Bischöfe nicht. Dabei hat genau das vielen Betroffenen massiv Kraft und Lebensmut gekostet, einige haben es nicht überlebt. Bis heute erleben Betroffene oder Angehörige, dass ihnen Zugänge zu sämtlichen Akten eines Falls verweigert oder Anfragen auf die lange Bank geschoben werden. Kurzum: der nun in Fulda abgesegnete Leistungsrahmen ist ausdrücklich keine Entschädigung. Diese wollen die katholischen Oberhirten nämlich nicht. Sie verweisen von oben herab darauf, dass sie ein solches Verfahren der Entschädigung den Betroffenen nicht zumuten wollen, müssten diese doch Beweise anführen, um anspruchsberechtigt zu sein.

Vertrauensbildende Maßnahmen sind das nicht

Warum aber sollen die Betroffenen sexualisierter Gewalt nicht selbst entscheiden, ob sie sich einem Verfahren stellen wollen oder nicht? Warum schließen die Bischöfe das von vornherein aus? Natürlich könnte die katholische Kirche auch einfach Schmerzensgeldzahlungen leisten, die über die 50.000 Euro im Einzelfall hinausgehen und eben auch die Folgen des Missbrauchs mitberücksichtigen. Aber das ist nicht gewollt. Bei der konkreten Ausformulierung dieser nun in Fulda gefassten Beschlüsse waren übrigens Betroffenenvertreter nicht direkt eingebunden. Vertrauensbildende Maßnahmen sind das nicht. Wieder einmal hat die katholische Kirche eine große Chance verpasst, ein unmissverständliches Zeichen zu setzen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Kreuz am Band liegt auf einem Holztisch © fotolia Foto: merydolla

Bis zu 50.000 Euro für Missbrauchsopfer

Missbrauchsopfer der katholischen Kirche sollen bis zu 50.000 Euro Entschädigung bekommen. Nicht nur Betroffene zeigen sich enttäuscht über die Ergebnisse der Herbstvollversammlung der Bischöfe. extern

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NDR Info | Kommentar | 24.09.2020 | 17:16 Uhr