Stand: 15.08.2021 10:56 Uhr

Kommentar: Impfen ja, bitte! Impfpflicht nein, danke!

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt wieder - eine vierte Welle der Pandemie scheint unausweichlich. Um sie möglichst flach zu halten, scheint das Impfen möglichst vieler Menschen das zuverlässigste Mittel zu sein. Aber entsteht durch die Abschaffung kostenloser Corona-Tests nicht eine Impfpflicht durch die Hintertür, die von der Politik eigentlich immer abgelehnt worden war?

NDR Info Wochenkommentar von Heribert Prantl, Autor und Kolumnist der "Süddeutschen Zeitung"

Porträtbild des Journalisten Heribert Prantl. © picture alliance / Sven Simon Foto:  Anke Waelischmiller/SVEN SIMON
Heribert Prantl fordert weiterhin einen kostenlosen Corona-Test für alle pro Woche.

Die kostenfreien Corona-Tests werden abgeschafft; das haben die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin beschlossen. Auf diese Weise sollen die Noch-Nicht-Geimpften zur Impfung gedrängt werden. Was ist dagegen zu sagen? Werbung für die Impfung ist doch gut und richtig. Ja, gewiss. Aber diese Form des Drängens ist falsch und schädlich. Sie schadet erstens der Corona-Bekämpfung, weil sie darauf verzichtet, die Impfunwilligen einzubeziehen. Und sie verschärft zweitens die Spaltung der Gesellschaft.

Ein kostenloser Test pro Woche

Das bevorstehende Ende der kostenlosen Testung ist zwar noch kein Impfzwang. Es wird niemand gezwungen. Aber er wird von der Gemeinschaft, er wird von der gesellschaftlichen Teilhabe, er wird vom Leben praktisch ausgeschlossen - wenn er sich nicht impfen lässt oder er sich die dauernden Tests nicht leisten kann. Es gibt dann künftig nicht mehr nur die Impfwilligen und die Impfunwilligen. Es gibt die Impfunwilligen, die sich das Testen leisten können und die Impfunwilligen, die sich das Testen nicht leisten können. Das heißt: Wer ohnehin arm dran ist, ist künftig noch ärmer dran. Das ist die Exklusion der Exkludierten.

Was hätten die Ministerpräsidenten machen sollen? Sie hätten beschließen sollen, dass es für jeden einen Test pro Woche kostenlos gibt. Das wäre der Corona-Bekämpfung dienlicher, weil so die Ausbreitung des Virus über die Impfwilligen hinaus eingedämmt wird. Die Abschaffung der kostenlosen Tests schadet mehr als sie nützt. Sie ist, so muss man das sagen, die Vorstufe zur Impfpflicht. Das ist schon deswegen ungut, weil die Politiker aller deutschen Regierungsparteien in Bund und Ländern monatelang hoch und heilig versichert haben, dass es eine Impfpflicht nicht geben wird. Kaum ein anderes Versprechen in der Corona-Pandemie wurde so einhellig, so eindeutig, so oft und so unmissverständlich abgegeben. Wenn es nicht eingehalten wird, schadet das dem Vertrauen in die Corona-Bekämpfungspolitik massiv.

Bei Masern verhält es sich anders als bei Covid-19

Es gibt eine Impfpflicht bislang nur bei den Masern. Kann das, was für Masern gilt, nicht auch für Covid-19 gelten? Es gibt wichtige Unterschiede: Masern sind deutlich ansteckender als Covid-19. Der R-Wert bei Masern liegt bei 14, ein Infizierter steckt 14 Menschen an. Masern gehören zu den infektiösesten Krankheiten des Menschen überhaupt. In Deutschland stirbt im Durchschnitt jeder fünfhundertste Infizierte daran; vor hundert Jahren war es noch jeder fünfzigste. Die Masern gehören, wie die Pocken und die Kinderlähmung, zu den Krankheiten, die sich ausrotten lassen, weil sie ausschließlich oder ganz überwiegend den Menschen befallen. Die Grippe und Covid-19 gehören nicht dazu; man muss also anders damit umgehen. Der Hamburger Medizinhistoriker Philipp Osten hat das soeben in der Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament" schön beschrieben.

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Impfpflichtgegner und nicht Impfgegner

Im Übrigen: Eine Impfpflicht ist kein probates Mittel, um Menschen vom Sinn einer Impfung zu überzeugen, zumal dann nicht, wenn man monatelang versichert hat, dass sie nicht kommt. Mit "hau drauf!", mit Bedrängen, mit Beschimpfen und Beleidigen gelingt das Werben für das Impfen auch nicht. Das gelingt mit kluger Aufklärung, wie das einst bei der Kinderlähmung gelang. Man darf Gegner einer Impfpflicht auch nicht einfach pauschal als "Impfgegner" abservieren. Viele haben gar nichts gegen Impfung, sind auch selbst geimpft, also gewiss keine Impfgegner. Sie haben aber etwas gegen staatlichen Zwang - sie sind also Zwangsimpfungsgegner. Das ist etwas anderes. Und wer eine Impfung aus irrationalen Ängsten heraus ablehnt, der ist deswegen kein Verfassungsfeind. Es ist auch derjenige kein Verfassungsfeind, der einem paternalistischen Staat misstraut, der befürchtet, dass die Fürsorglichkeit des Staats obsessiv und dauergrundrechtsbedrängend werden könnte.

Es ist Zeit für Abrüstung in der Corona-Debatte. Abrüstung, Aufklärung und Achtung der Grundrechte - das ist die Drei-A-Regel für die kommenden Monate.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 15.08.2021 | 09:25 Uhr