Stand: 21.02.2021 00:01 Uhr

Kommentar: Digital ist die neue Normalität

Die Corona-Pandemie hat unser Leben deutlich und vielleicht auch nachhaltig verändert. Der Lockdown ist eine Belastung für uns alle, aber eine Erkenntnis stellt immerhin einen Gewinn dar: Video-Konferenzen und auch Video-Treffen mit Freunden sind praktischer und angenehmer als gedacht.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblattes"
Digitalen Treffen haftet nicht mehr etwas Unpersönliches an, meint Lars Haider.

Die Pandemie wird noch dauern, aber die von Vize-Kanzler Olaf Scholz vorausgesagte neue Normalität ist schon da - und sie sieht ganz anders aus, als sich die meisten von uns das vorgestellt haben. Denn: normal ist digital und digital ist normal, und das tut gar nicht weh. Im Gegenteil, je länger die Corona-Krise anhält, desto mehr entdeckt jeder einzelne, was in der digitalen Welt alles geht, und dass das keine Bedrohung, sondern, gerade in Zeiten wie diesen, ein Glücksfall ist.

Video-Chats funktionieren erstaunlich gut

Das beginnt bei Treffen mit Freunden über Video-Plattformen, bei denen man zwar auf die Umarmung zur Begrüßung und zur Verabschiedung verzichten muss - und die fehlt wirklich - aber nicht auf gute und lange Gespräche, bei denen man die anderen sehen und sich mit einem Glas Wein zuprosten kann. Ein Abend mit Menschen, die weit weg wohnen, und die man sonst vielleicht einmal im Jahr gesehen hat, wird auf einmal völlig normal und man fragt sich, warum man nicht früher auf die Idee gekommen ist, sich mal zusammenzuschalten. Die einfache Antwort: Weil wir alle nicht wussten, wie leicht das ist und wie gut das funktioniert. Und vielleicht auch, weil bisher allem Digitalen immer auch etwas Unpersönliches anhaftete. Was sich als Vorurteil herausstellt, zumindest bei Menschen, die man schon länger und besser kennt.

Homeoffice nicht mehr die Ausnahme

Der durch Corona ausgelöste Zwang, sich viel stärker als bisher auf das Digitale einzulassen, nimmt uns mit jeder weiteren Pandemie-Woche die Angst davor. Das merkt man am stärksten im Homeoffice, in dem sich aktuell rund ein Viertel der Arbeitnehmer in Deutschland befindet, und dass nach Corona dort, wo es geht, nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein wird. Die Pandemie hat gezeigt, dass die Menschen nicht dafür bezahlt werden, wo, sondern wie sie arbeiten. Die Idee, dass jeder dort seinem Beruf nachgeht, wo er oder sie das am besten kann, ist bestechend und eröffnet uns neue Möglichkeiten, Arbeit und Privates so zu verknüpfen, dass alle etwas davon haben, Familien genauso wie Unternehmen. Das wird noch deutlicher werden, wenn sich die unsägliche Kombination von Homeoffice und Homeschooling auflöst, weil die Kitas und Schulen hoffentlich bald wieder regulär öffnen.

Stoppt Corona die Landflucht?

Schon jetzt verändern die Erfahrungen mit dem mobilen Arbeiten unser Leben positiv: Immobilienmakler vermelden zum Beispiel ein gestiegenes Interesse an Häusern, die am Rand oder außerhalb der Metropolen liegen. Die Menschen sehen, dass sie dort besser und vor allem günstiger leben, aber eben auch arbeiten können, dass sie sich nicht jeden Tag durch lange Staus in die Innenstädte quälen müssen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ausgerechnet Corona die Landflucht bremst, vielleicht sogar umkehrt, und damit nicht nur Probleme schafft, sondern an anderer Stelle auch welche löst.

Beim Thema Geschäftsreisen wird das eindeutig so sein: So selbstverständlich und oft überflüssig sie vor der Pandemie waren, so selten werden sie danach sein. Oder, um es mit der Unternehmerin und Autorin Verena Pausder zu sagen: "Wer künftig auf Geschäftsreise geht, macht sich verdächtig." Schöne, neue, normale Welt. Nicht normal ist, dass jetzt mehr oder weniger seit einem Jahr die Theater geschlossen sind, dass Musiker und andere Künstler nicht beziehungsweise kaum auftreten können. Vor Corona hätte man gedacht, dass sich extrem analoge Momente, wie etwa ein Konzertbesuch, digital nicht ersetzen lassen. Im Kern mag das weiter stimmen, weil sich das gemeinsame Erlebnis, das Schulter-an-Schulter-Stehen mit Tausenden oder Zehntausenden Menschen am Laptop nicht simulieren lässt.

Gehören Online-Tourneen in Kürze auch zur neuen Normalität?

Trotzdem ist es normal geworden, zum Beispiel Live-Konzerte auch digital zu verfolgen, und wer sich als Musiker darauf einlässt, macht erstaunliche Erfahrungen. Etwa die, dass er relativ leicht viel mehr Menschen erreicht als in einem Theater, und dass die Nähe im gemeinsamen Video-Chat hinterher vielleicht sogar größer ist als bisher am CD-Stand. Gerade die Musiker, die ja immer nach neuen Einnahmequellen suchen, erleben, wie man mit überschaubaren Kosten und einer angemessenen Qualität zu den Fans ins Wohnzimmern kommt, und mit einem digitalen Konzert am Ende so viel Geld verdient wie bisher mit fünf oder zehn analogen. Es funktioniert, und wahrscheinlich werden Online-Tourneen in Kürze auch zur neuen Normalität gehören - und nicht verschwinden, wenn all das, was zur alten Normalität gehörte, wieder möglich sein sollte.

Klar ist schon jetzt: All die, die gesagt haben, dass unser Leben nach Corona nicht mehr so sein wird wie vor Corona, hatten Recht. Doch was damals nach einer düsteren Prognose klang, entpuppt sich inzwischen als eine ganz gute Nachricht. Wenn digital normal wird, wird unser Leben nämlich nicht automatisch schlechter, weil unpersönlicher oder technischer, sondern in vielen Bereichen einfacher und einfach besser.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 21.02.2021 | 09:25 Uhr