Reisende stehen in einer langen Schlange in Terminal 1 am Flughafen vor der Sicherheitskontrolle an. © picture alliance/dpa | Christian Charisius Foto: Christian Charisius

Kommentar: Die Krise auf dem Arbeitsmarkt war vorhersehbar

Stand: 03.07.2022 00:00 Uhr

Der Sommerurlaub wird in diesem Jahr für viele Reisende holprig beginnen. An den Flughäfen etwa fehlen viele Arbeitskräfte. Das Problem, zu wenig Erwerbstätige zu haben, wird uns aber wohl noch viel länger begleiten.

Reisende stehen in einer langen Schlange in Terminal 1 am Flughafen vor der Sicherheitskontrolle an. © picture alliance/dpa | Christian Charisius Foto: Christian Charisius
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Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatt"

Mein Nachbar, ein Rechtsanwalt, hat einer Bekannten 5.000 Euro auf die Hand geboten, wenn sie ihm eine Sekretärin vermittelt. Das war im Februar und das klang nach leicht verdientem Geld. Inzwischen ist Juli, und weder hat die Bekannte die 5.000 Euro noch mein Nachbar die Sekretärin, die er so dringend braucht.

Was nach einer kleinen Geschichte klingt, ist in Wirklichkeit eine große. Deutschland steht vor einem Sommer mit viel zu wenig Personal. Das spüren Reisende schon am Flughafen, wo die Sicherheitskontrollen um ein Vielfaches länger dauern, als man das vor der Pandemie gewöhnt war - und sie werden es am Urlaubsort merken, wenn Restaurants plötzlich nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet haben und Ausflüge abgesagt werden müssen, weil die Busfahrer fehlen.

Arbeiterlosigkeit statt Arbeitslosigkeit

Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblattes"
Deutschland läuft in eine Demografie-Krise, meint Lars Haider.

Das hat zum Teil mit Corona zu tun, mit den zwei Jahren zwischen einigen Lockdowns und vielen Einschränkungen, in denen sich Hunderttausende Menschen beruflich umorientiert haben. Aber wer glaubt, dass die Arbeitskräfte nach und nach zurückkehren werden, und alles wieder so wird wie früher, der irrt. Denn der Sommer mit dem fehlenden Personal ist nur der Vorbote einer weiteren Krise, die, wie die Pandemie, der Krieg in der Ukraine und der Klimawandel unser gewohntes Leben ins Wanken bringen wird.

Uns geht nicht die Arbeit aus, uns gehen die Leute aus, die all die Dinge machen, die für den Fortbestand unseres Wohlstands so wichtig sind. Auch das wird ein Teil der neuen Normalität sein, in der wir uns mit ungewöhnlichen Problemen konfrontiert sehen - zum Beispiel einer Arbeiterlosigkeit statt einer Arbeitslosigkeit.

Demografische Katastrophe war lange vorhergesagt

Was für den oder die Einzelne eine gute Nachricht sein mag - nämlich, dass man es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten leicht haben wird, eine relativ gut bezahlte Arbeit zu finden - ist für die Gesellschaft die lange vorhergesagte demografische Katastrophe. Weil in Deutschland in der Vergangenheit viel zu wenig Kinder zur Welt kamen, fehlt, wenn jetzt nach und nach die geburtenstarken 1960er-Jahrgänge in den Ruhestand gehen, eine kaum vorstellbare Zahl an Menschen.

Eigentlich müssten jedes Jahr, im Saldo, 400.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen, um den Ausfall der sogenannten Babyboomer auszugleichen. Allein in Hamburg werden bis zum Jahr 2035, das zeigen neue Berechnungen, rund 133.000 Fachkräfte fehlen. In Schleswig-Holstein überlegt man, wie man möglichst schnell Menschen aus anderen Branchen in den Schulen des Landes beschäftigen kann. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hält die Frage der Lehrkräfte-Versorgung für die zentrale schulpolitische Frage des nächsten Jahrzehnts.

Unverständlich unvorbereitet auf eine schwierige Situation

Dass und wie sich die Liste fortsetzen lässt, erlebt in diesen Wochen jeder in seinem privaten oder beruflichen Umfeld. Überall fehlen Menschen, und wieder entsteht das Gefühl, dass wir unvorbereitet vor einer schwierigen Situation stehen. Was unverständlich ist, weil die Krise auf dem Arbeitsmarkt eine Krise mit Ansage ist, mit einem Vorlauf von Jahrzehnten. Wenn es ein Problem gibt, auf das sich Deutschland hätte einstellen können, zum Beispiel mit einer effektiven Zuwanderungspolitik, dann war es die Lücke, die durch die die geburtenschwachen Jahrgänge entsteht.

Die Digitalisierung wird helfen

Jetzt ist es dafür zu spät, jetzt werden wir einmal mehr improvisieren müssen, um das Leben, so wie wir es kennen, halbwegs aufrechterhalten zu können. Viele Arbeitsschritte, am besten komplette Arbeitsplätze, werden automatisiert werden müssen, je mehr, desto besser. Auf einmal sind Kassen-, Pflege- oder Bedienroboter keine Bedrohung mehr, sondern die Rettung. Die Digitalisierung wird helfen, weil man zum Beispiel nicht mehr aufs Amt gehen muss, um einen neuen Personalausweis zu beantragen, sondern das online machen kann - so, wie das in anderen, deutlich kleineren Ländern als Deutschland, schon lange möglich ist.

Sich von lieb gewonnen Verhältnissen verabschieden

Wird das reichen? Nein! Um die Demografie-Krise in den Griff zu bekommen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns von lieb gewonnenen Verhältnissen zu verabschieden. Das beginnt in den Schulen, in denen die Klassen wieder größer werden, weil man damit Lehrerinnen und Lehrer sparen kann, und geht bis zu den Arbeitszeiten. Die werden länger werden müssen, wenn soziale, gesellschaftliche und nicht zuletzt medizinische Standards gehalten werden sollen. Heißt: Mehr statt weniger Wochenarbeitsstunden, eine erneute Diskussion um das Renteneinstiegsalter - und, ganz wichtig: Auf die Babyboomer werden wir als Arbeitskräfte nicht verzichten können. Was für viele der fitten Männer und Frauen, denen der Ruhestand bevorsteht, gar keine schlechte Nachricht sein muss, denn viele von denen haben durchaus Lust, weiter zu arbeiten. Ein Glück.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 03.07.2022 | 09:25 Uhr