Stand: 03.08.2020 17:00 Uhr

Kommentar: Bildungspolitiker erschreckend fantasielos

Bei einigen wächst der Ärger gegen die Corona-Regeln, bei vielen anderen die Sorge vor einer zweiten Infektionswelle: Die Politik verurteilt Demos gegen die Pandemie-Regeln ohne Abstand und Masken. Bundesweit wird auch über eine Maskenpflicht an Schulen diskutiert. Der Mund-Nasen-Schutz wird wohl auch in den Schulen im Norden ein wichtiges Accessoire werden.

Ein Kommentar von Katharina Mahrenholtz, NDR Info

Katharina Mahrenholtz
Katharina Mahrenholtz fordert neue Corona-Konzepte für die Schulen.

Ja, sie nerven. Ja, man sieht blöd aus damit. Und ja, die WHO hat lange Zeit sogar von Masken abgeraten. So werde eine falsche Sicherheit suggeriert, hieß es, und andere Maßnahmen würden vernachlässigt. Auch das RKI zierte sich zunächst, empfiehlt aber schon seit Anfang April die Maske für Situationen, in denen der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann - und seit Anfang Juni ist auch die WHO auf diesen Kurs eingeschwenkt.

Alle wünschen sich, aus diesem Alptraum zu erwachen

Ein halbes Jahr Corona. Alle sind erschöpft, alle wünschen sich, aus diesem Alptraum zu erwachen. Aber der Impfstoff ist nicht in Sicht und auch in der Medikamenten-Forschung ist man nicht so weit wie erhofft. Und trotzdem ist das Wissen über das Virus immens gewachsen. Viele, viele Studien sind erschienen - auch zur Wirksamkeit von Masken. Inzwischen ist bewiesen, dass Masken schützen - und zwar auch den Träger! Selbst einfache, selbst genähte Modelle halten mindestens 50 Prozent der Viren zurück - je nach Passform und Stoffqualität. Und noch etwas wissen wir: Ob man erkrankt oder nicht, hängt auch von der Menge der Viren ab, mit denen man in Berührung kommt.

Tragen von Masken entscheidend zur Eindämmung

Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Tragen von Masken entscheidend zur Eindämmung des Coronavirus beiträgt. Und diese Erkenntnis sollte doch genügen, die Diskussion zu beenden. Wer will denn angesichts dessen wirklich noch rumlamentieren, dass Masken nerven und blöd aussehen? In den allermeisten Fällen geht es ja nur um eine kurze Zeitspanne. Der Einkauf, die Busfahrt, der Arztbesuch, die überfüllte Fußgängerzone. Und vielleicht mal an die Leute denken, die den Mund-Nasen-Schutz den ganzen Tag tragen müssen, weil sie im Supermarkt arbeiten, in der Arztpraxis oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Karl Lauterbach | Bild: NDR/Wolfang Borrs © NDR/Wolfgang Borrs Foto: Wolfgang Borrs

AUDIO: Lauterbach: "Strafen bei Corona-Verstößen sind notwendig" (4 Min)

"Aufhören zu jammern, Maske aufsetzen!"

Einfach mal aufhören zu jammern, Maske aufsetzen - und bedenken: Je besser das Stöffchen sitzt, desto höher ist die Wirksamkeit.

Aber Achtung: Das Masketragen darf nicht als Feigenblättchen oder Ultima Ratio für mangelnde Konzepte herhalten - wie es sich gerade bei den Schulen abzeichnet. Da gibt es auch nach sechs Monaten Corona keine Ideen, wie man Unterricht in einer Pandemie gestaltet. Deshalb heißt es nun "Augen zu und durch": Alles wie vor Corona, außer dass sich die der Jahrgänge nicht mischen sollen und die Kinder immer mal Händewaschen. Das ist KEIN Konzept, das ist eine Bankrotterklärung.

Es müsste andere Maßnahmen an Schulen geben

Entsprechend verstört reagierten Eltern und Lehrer, hinter denen schließlich Monate der Einschränkungen und Risikominimierung liegen. Und siehe da: Jetzt verkünden die Bildungsminister reflexhaft nacheinander eine Maskenpflicht an Schulen. In Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern gilt diese nur auf den Fluren und dem Schulgelände. Ähnlich planen Bayern, Berlin und Baden-Württemberg - in Schleswig-Holstein überlegt man noch. Einzig Nordrhein-Westfalen hat sich jetzt schon für eine Maskenpflicht auch im Unterricht entschieden, zumindest für die Jahrgänge nach der Grundschule. Sechs und mehr Stunden mit Maske lernen - eine ziemliche Zumutung für Schüler. Der Mund-Nasen-Schutz ist ein Instrument, das überraschend gut hilft, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten. Aber es sollte doch das letzte sein, das Schulen einsetzen.

Es müsste doch andere Konzepte geben: kleinere Gruppen, andere Raumnutzung, Ausbau des digitalen Unterrichts im Wechsel zum Präsenz-Unterricht, regelmäßige Pooltestungen. Es gibt ja Ideen. Kinder mit Maske in schlecht belüftete Räume zu setzen oder den Mundschutz für die Pausen plötzlich als Minimalanstrengung hochzuhalten, zeugt von erschreckender Fantasielosigkeit der Bildungspolitiker.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 03.08.2020 | 17:08 Uhr