Ein Mann hält Pflanzenkohle, die aus den Pflanzenresten hergestellt wurde, in den Händen. © picture alliance/dpa | Christophe Gateau Foto: Christophe Gateau
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Ein Mann hält Pflanzenkohle, die aus den Pflanzenresten hergestellt wurde, in den Händen. © picture alliance/dpa | Christophe Gateau Foto: Christophe Gateau
AUDIO: Klimaschutz: Pflanzenkohle aus Kakaoschalen für die Landwirtschaft (5 Min)

Klimaschutz: Pflanzenkohle aus Kakaoschalen für die Landwirtschaft

Stand: 05.04.2023 16:00 Uhr

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Mit Abfall Geld verdienen und damit der Umwelt auch noch etwas Gutes tun. Genau das wollen die Gründer von Circular Carbon. Sie machen in Hamburg aus Kakaoschalen Pflanzenkohle. Einen Stoff, mit vielen positiven Eigenschaften.

von Markus Plettendorff und Merle von Kuczkowski

Felix Ertl ist Mitgründer von Circular Carbon. Gemeinsam mit drei Kommilitonen aus Norwegen, Finnland und England hatte er schon während der Studienzeit die Idee, Reste aus Biomasse für nachhaltige Produkte zu verwenden. Jetzt haben sie ein Unternehmen mit Produktionsstätte im Hamburger Hafen.

"Nebenan wird Kakaobutter und Kakaopulver produziert und wir nutzen die Schale, die als Reststoff anfällt", erklärt Ertl das Geschäftsmodell. Im Reaktor werden die Kakaoschalen bei 650 Grad aufgeheizt und verbacken. "Letztendlich vergleichbar mit einer Pizza, die zu lange im Ofen war und dann kohlschwarz wieder rauskommt."

Experten: Pflanzenkohle hat hohes Potenzial

Pyrolyse heißt das Verfahren und was am Ende dabei rauskommt, sieht aus wie klein geraspelte Holzkohle. Die hat es in sich, denn Pflanzenkohle sorgt dafür, dass weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt. Und das in durchaus relevanter Größenordnung, sagt Bernhard Osterburg, der Leiter der Stabstelle Klima und Boden am Braunschweiger Thünen-Institut.

Wie funktioniert Pyrolyse?

Unter Ausschluss von Sauerstoff wird Biomasse auf sehr hohe Temperaturen erhitzt. Dadurch wird ein Teil des Kohlenstoffs gebunden und nicht etwa wie bei der Verbrennung in die Atmosphäre geblasen. Es entsteht Pflanzenkohle.
Wird Kohlenstoff in dieser Form fixiert, kann er beispielsweise unterirdisch deponiert werden - als sogenannte Kohlenstoffsenke - und belastet nicht mehr die Atmosphäre.
In Böden eingearbeitet bindet Pflanzenkohle CO2 über Jahrhunderte, wie der US-amerikanische Wissenschaftler Dominic Woolf erforscht hat.

Osterburg: "Es gibt Potenzialschätzungen, die langfristig bis zu 10 Millionen Tonnen CO2-Bindung durch Pflanzenkohle in Deutschland sehen." Zum Vergleich: Hamburg hatte im Jahr 2020 einen CO2-Ausstoß von rund 13,5 Millionen Tonnen, Hannover von 7,9 Millionen Tonnen.

Pflanzenkohle bindet CO2 - Baustein gegen den Klimawandel

Dass Binden von CO2 aus der Atmosphäre wie beim Einsatz von Pflanzenkohle wird als Negativemission bezeichnet und ist im Kampf gegen den Klimawandel in den Fokus gerückt. Dabei hat Pflanzenkohle ein "nennenswertes Potenzial", so Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt am Main in einer Untersuchung zum Thema.

Darin heißt es: "Neben Klimaschutzeffekten durch die CO2-Festlegung werden weitere Vorteile in der Anwendung des Materials erwartet, unter anderem verbessertes Tierwohl und geringere Geruchsentwicklung im Stall, ein Beitrag zur Nährstoff- und Wasserhaltung in Böden und positive Auswirkungen auf das Bodenleben."

Die Gründer von Circular Carbon sehen die Verwendung ihrer Pflanzenkohle in der Forst- und Landwirtschaft, zur Bodenverbesserung und als Tierfutterzusatz. "Pflanzenkohle verringert Durchfall, das ist vor allem in der Intensivmast ein Problem", sagt Mitgründer Ertl. Eine weitere Einsatzmöglichkeit sei, die Pflanzenkohle der Gülle beizumischen, um Stickstoff zu binden.

"Es gibt auch Überlegungen, Pflanzenkohle in Baustoffen oder im Straßenbau zu verwenden", ergänzt Bernhard Osterburg. Bereits erfolgreich erprobt sei der Einsatz beim Pflanzen von Stadtbäumen. Eine große Menge des Substrats im Pflanzloch habe den Vorteil, dass Wasser länger gespeichert werden könne, so der Experte.

Kritik: Nicht genug Rohstoff für Pflanzenkohle vorhanden

Über eine Transportschnecke wird die Pflanzenkohle in BigPacks gefüllt. © NDR Foto: Markus Plettendorff
Die Abfüllanlage: Die Pflanzenkohle läuft über eine Förderschnecke, wird gekühlt und in weißen Big Packs verpackt.

Pflanzenkohle hat viele Verwendungsmöglichkeiten. Noch sind industriellen Anlagen wie in Hamburg selten - sie könnten aber an vielen Stellen in Deutschland gebaut werden, da sich theoretisch auch andere holzige Biomassen als Kakaoschalen, zum Beispiel Grünschnitt, verwenden lassen.

Die Wissenschaftler der Goethe-Universität sehen darin allerdings derzeit auch einen Nachteil: Für einen großflächigen Einsatz müsste genügend Biomasse für die Produktion von Pflanzenkohle vorhanden sein. Diese müsse über verstärkte Anpflanzung von holziger Biomasse in der Agrarlandschaft gezielt erzeugt werden. Sorgen bestünden zudem bezüglich eventueller Schadstoffgehalte.

Als weiteren Vorteil außerhalb der Landwirtschaft wird in der Untersuchung die energetische Nutzungsmöglichkeit von Abwärme aus der Produktion genannt, um fossile Energien zu ersetzen. Das Prinzip nutzt auch Circular Carbon.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Perspektiven - auf der Suche nach Lösungen | 06.04.2023 | 07:41 Uhr

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