Stand: 23.06.2017 00:00 Uhr

Was tun gegen rechte Parolen und Hetze?

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen." - Dieser Satz begleitet häufig Aussagen, die andere Menschen, meist Minderheiten, herabsetzen. Immer mehr Menschen sehen sich in ihrem Alltag, auch im Privatleben, mit manchmal nebenbei gesagten Dingen konfrontiert, die sie sprachlos machen. Was macht man gegen diese Sprachlosigkeit? Wann bezieht man Stellung und wie? Der Verein "Gegen Vergessen - für Demokratie" bietet Seminare an, in denen man das lernen kann: ein "Argumentationstraining gegen rechte Parolen".

Ein Rollenspiel. 15 Studentinnen und Studenten eines Seminars "Argumentationstraining gegen rechte Parolen" sitzen im Stuhlkreis, in der Mitte stellen fünf andere eine typische Familiensituation nach - Omas 80. Geburtstag. Es soll harmonisch bleiben, aber Onkel und Cousine stänkern gegen Flüchtlinge: "Ich gehe da normal und Vollzeit arbeiten, und die kriegen alles in den Arsch geschoben. Die können gerne wieder zurück übers Meer rudern!" Die Studentin, die die Cousine spielt, pflichtet ihm bei: "Und die sagen noch nicht mal Danke für alles was sie hier bekommen!"

"Da, wo die herkommen, gibt es keinen Anstand!"

Menschen sitzen diskutierend im Halbkreis in einem Raum. © NDR Info Foto: Bettina Less
Was antwortet man Hetzern? Teilnehmer des Argumentationstrainings lernen, wie man Zivilcourage zeigt.

Schnell gibt ein Wort das andere, die Diskussion schaukelt sich hoch: "Und dazu kommt ja noch die sexuelle Belästigung. Wir haben ja Anstand gelernt, aber da, wo die herkommen, da gibt es das nicht." Student Sebastian hat die Rolle, einzuschreiten. Er wirkt zuerst etwas unsicher, als er sagt: "Stopp, halt. Darf ich da mal dazwischengehen?", und sagt dann, mit festerer Stimme: "Ich stimme euch da nicht zu."

Was tun mit den eigenen Emotionen?

In der Nachbesprechung sind sich die anderen Teilnehmer einig: Das war schon mal gut. Allerdings finden einige, er hätte außerdem auch sagen können, dass ihn die pauschalen Aussagen persönlich ärgern. Aber das sei, wie im realen Leben auch, schwierig gewesen, sagt Sebastian. "Ich war einfach selber so angefasst, dass ich da nicht die Argumente parat hatte." Auch wenn es nur ein Rollenspiel ist, es wird deutlich, dass die Teilnehmer viele eigene Erfahrungen aus ihrem Alltag mitbringen. In den Übungen geht es viel darum, die eigenen Reaktionen und Emotionen in den Griff zu bekommen. 

Wer verfestigte Vorurteile hat, hört nicht auf Fakten

Was man allerdings nicht lernt, ist, Neonazis vom Gegenteil ihrer Thesen zu überzeugen. Ohnehin ließen sich Menschen mit verfestigten diskriminierenden Vorurteilen meist nicht von Fakten beeindrucken, erklärt Trainer Martin Ziegenhagen. "Außerdem ist man gar nicht verpflichtet, den anderen inhaltlich zu überzeugen. Sondern es geht im ersten Schritt erst mal darum, zu erkennen, wo die eigene rote Linie überschritten ist. Und dann kann man sich überlegen, wie man darauf reagiert."

Ein Mann steht erklärend vor einer Tafel gespickt mit kleinen Notizzetteln, auf denen diverse Begriffe stehen. © NDR Info Foto: Bettina Less
Trainer Martin Ziegenhagen übt mit den Teilnehmern, wie sie sich gegen Hetze wehren können.
Zivilcourage zeigen: "Ich stimme nicht zu!"

Im Seminar geht es nicht nur um rechte Parolen, sondern um menschenfeindliche Äußerungen jeder Art. Für den einen sind das pauschalisierende Äußerungen über Flüchtlinge, für andere abwertende Sprüche über Homosexuelle oder Frauen. Die meisten kennen ihre rote Linie instinktiv, schweigen aber trotzdem: Oft, weil sie meinen, sie könnten alleine nichts ausrichten. Dabei geht das sehr wohl, erfordert aber Zivilcourage und etwas Übung. "Nämlich, indem man sagt: Ich stimme nicht zu!" Das alleine sei schon ein wichtiges Signal ans Gegenüber und auch an die Umstehenden, die bislang passiv zugesehen haben, sagt Ziegenhagen. "Es geht darum, den Krakeelern nicht das Gefühl zu geben, dass das funktioniert, was sie da machen."

Woher kommen die menschenfeindlichen Äußerungen?

Familien-Situationen seien dabei besonders heikel und besonders häufig, das schildern die Seminarteilnehmer immer wieder. Man will die Feier nicht stören, man will die Beziehung nicht dauerhaft belasten, aber gleichzeitig kochen die Emotionen sofort viel höher, sagt auch Trainer Ziegenhagen. Wichtig sei es dann, im Gegenüber nicht nur den Feind zu sehen. "Die Menschen haben immer Gründe für ihre Einstellungen." Das werde sehr oft auch deutlich in den Äußerungen. "Da ist viel Wut, da ist Ärger, da ist Neid. Wenn ich in der Lage bin, das zu erkennen und anzusprechen, vielleicht Verständnis zu zeigen, kann ich vielleicht erreichen, dass mein Gegenüber sich in irgendeiner Weise anerkannt fühlt - und sein Gesprächsverhalten im Idealfall ändert." Auf der einen Seite gehe es also darum, sich abzugrenzen. Auf der anderen Seite kann - wenn die Beziehung es zulässt - der Versuch unternommen werden, eine Brücke zu bauen.

Auf schwarzem Grund steht #Hass © picture alliance / dpa / Lukas Schulze Foto: Lukas Schulze

AUDIO: "Ich stimme nicht zu!" (8 Min)

Nicht mehr denken müssen: "Hätte ich doch was gesagt"

Die Teilnehmer des Seminars haben gelernt, dass es manchmal Überwindung kosten wird, den Mund aufzumachen - aber auch viel bringt, nicht zuletzt für die eigene Psychohygiene. So sehen es zum Beispiel Ricarda und Hanna. "In meinem Kopf war immer so der Gedanke, mir fehlen die Argumente, ich habe jetzt nicht alle aktuellen Statistiken parat, kann dann nicht diskutieren - also sage ich besser gar nichts." Jetzt nach dem Seminar weiß sie: Es geht nicht nur um Inhaltliches. Sie kann einfach das persönliche Empfinden benennen, dass eine Äußerung zu pauschal ist oder sogar menschenfeindlich. Auch Hanna stimmt zu, dass es für sie jetzt einfacher ist, schnell zu reagieren. "Es geht auch einfach um ein gutes Gefühl, dass ich künftig abends beruhigt auf der Couch sitzen kann und nicht denke, hätte ich mal was gemacht. Sondern ich habe klar meine Position bezogen und kann damit beruhigt schlafen."

Argumentationstraining gegen rechte Parolen - das Wichtigste in Kürze

Vermeintlich flotte Sprüche über Flüchtlinge, Homosexuelle, Frauen scheinen wieder salonfähig zu sein. Was kann man selbst dagegen machen? Das Argumentationstraining für Zivilcourage im Schnelldurchlauf:

  • Mutig sein

    Den Mund aufmachen, auch wenn alle anderen betreten schweigen.

  • Nicht zu lange grübeln

    Den einen, goldenen Satz für jede Situation gibt es ohnehin nicht. Lieber schnell reagieren, bevor die Situation vorbei ist.

  • Gefühle aussprechen

    Man muss nicht jeden inhaltlich überzeugen. Menschen mit radikalen Ansichten hören ohnehin selten auf Argumente. Trotzdem darf man finden, dass eine Äußerung zu weit geht, entwürdigend ist oder pauschalisiert.

  • Solidarität organisieren

    Wenn einer den ersten Schritt macht, ist das ein Signal an die passiven Umstehenden und ermutigt sie im besten Fall.

  • Brücken bauen

    Nicht belehren, nicht moralisieren, sondern nach Beweggründen forschen - falls die Beziehung zum Gegenüber das zulässt.

zurück
1/4
vor

 

Weitere Informationen
Eine Frau wirft eine Glühbirne hoch, so dass sie über ihrer Hand zu schweben scheint. © Nadia Valkouskay/unsplash Foto: Nadia Valkouskay

NDR Info Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

Viele Menschen suchen nach Lösungen und handeln. In der Reihe "NDR Info Perspektiven" stellen wir ihre Motivation und ihre Ideen vor - in kurzen Beiträgen und als Podcast. mehr

Die Journalistin Mareike Nieberding sitzt beim "Safe Democracy Camp" in Hamburg auf einem Tisch. © NDR Foto: Melanie Stein

"Save Democracy" - Aufbruch der politischen Mitte

Beim Aktionstag "Save Democracy" haben sich in Hamburg mehr als 100 Menschen für demokratische Grundrechte engagiert. Der Aufschwung der Rechtspopulisten mobilisiert auch sie. mehr

Timeline-Foto Facebook - "Auch Angela Merkel bereitet Bürger jetzt auf Krieg und Unruhen vor" © NDR

Die Hass-Welt: Social Media am rechten Rand

Was passiert, wenn man sich ein nationalkonservatives Alter Ego auf Facebook zulegt? Videos voller Hass werden in die Timeline gespült. Und Angst schleicht sich wie ein Gift in den Kopf ein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 23.06.2017 | 07:20 Uhr

Mehr Nachrichten

Christian Drosten, der Leiter der Virologie an der Berliner Charité © Deutscher Radiopreis / Morris Mac Matzen Foto: Morris Mac Matzen

Corona-Ticker: Verdienstorden für Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten wird mit der Auszeichnung des Bundespräsidenten für seine herausragende Rolle in der Bekämpfung der Corona-Pandemie geehrt. Weitere News im Live-Ticker. mehr

Mitarbeiter der Stadtwerke Kiel gehen während einer Menschenketten-Demo auf der Straße. © dpa Foto: Frank Molter

Warnstreiks in Kiel: Demonstranten bilden Menschenkette

Mit ersten Warnstreiks im öffentlichen Dienst in Kiel hat die Gewerkschaft ver.di den Druck auf die Arbeitgeber erhöht. Die Teilnehmer bildeten eine lange Menschenkette. mehr

Der Ford Explorer von Jan Fedder. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Jan Fedders Auto zugunsten des Michels versteigert

Für 61.201 Euro ist der Ford Explorer des verstorbenen Schauspielers Jan Fedder im Internet versteigert worden. Der Erlös soll dem Hamburger Michel zugutekommen. mehr

Am zweiten Wochenende mit Alkohol-Verkaufseinschränkungen sind im Schanzenviertel zwar alle Außensitzplätze der Gastronomie besetzt, aber deutlich weniger Fußgänger unterwegs als normalerweise © dpa- Bildfunk Foto: Markus Scholz
3 Min

Corona im Norden: Zwischen Partys und Kontrollen

Die Corona-Infektionen steigen im Norden wieder an. In Hamburg gibt es einen weiteren Ausbruch in einer Bar. In Cloppenburg wurden die Auflagen wegen hoher Zahlen bereits verschärft. 3 Min