Nach Corona-Notbremse: Hamburgs Kulturbranche verzweifelt

Stand: 20.03.2021 21:22 Uhr

In der Hamburger Kunst- und Kulturbranche herrscht Verzweiflung. Die Rücknahme der jüngsten Lockerungen wegen zu hoher Corona-Inzidenzen dämpft Hoffnungen auf eine baldige Öffnung. Die Kulturbehörde arbeitet an Konzepten.

Die Lockerungen haben nur eine Woche gedauert: Wegen zu hoher Corona-Inzidenzen hat Hamburg die Corona-Notbremse gezogen. Damit müssen beispielsweise Museen, Ausstellungen und Zoos wieder schließen.

Tausende BesucherInnen in der letzten Woche

Knapp 3.000 Besucher kamen in das Museum für Kunst und Gewerbe in den letzten sieben Tagen, in denen es wieder öffnen durfte. Museumsdirektorin Tulga Beyerle erklärt, es sei gut gewesen, wieder zu spüren, wie es sich anfühle, wenn Menschen da seien, sich freuten und fröhlich durchs Haus gingen. "Unsere Erfahrung, diese paar Tage des Öffnens, das Glück, das Menschen empfinden - das spricht für mich Bände."

Für Beyerle ist es dringend notwendig, dass man sich Sicherheitskonzepte überlege, bei denen zum Beispiel Schnelltests angeboten würden, um dauerhaft geöffnet bleiben zu können.

Stufenmodell für schrittweise Öffnung

Konzerthallen und Kinos sind hingegen noch nicht mal in der Nähe einer Öffnung. Ein Stufenmodell knüpft die Rückkehr zum normalen Leben an bestimmte Bedingungen. In der Branche herrschen Verzweiflung und Wut.

Kinobetreiber fordert bundesweites Öffnungskonzept

Der Hamburger Kino-Betreiber Hans-Peter Jansen hält Überlegung der Politik zu einem Konzept mit einem tagesaktuellen Test für unrealistisch. "Weil Kinobesucher in der Regel spontan entscheiden, ins Kino zu gehen", so Jansen. "Wir brauchen ein bundesweites Öffnungskonzept, damit wir überhaupt neue Filme kriegen, keine Maskenpflicht im Saal und eine Auslastung von mindestens 50 Prozent, um überhaupt kostendeckend Kino zu betreiben."

Thalia Theater fürchtet um Rest der Spielzeit

Das Thalia Theater indes stellt mittlerweile die ganze Spielzeit in Frage. Es hat aber ein Konzept nach Berliner Vorbild vorgeschlagen. In der Hauptstadt sollen in einem Pilotprojekt Theater und Opernsäle wieder für Besucherinnen und Besucher öffnen, die zuvor einen Test gemacht haben. Doch dafür fehlen in Hamburg die Tests und die Inzidenz ist zu hoch. Auch den Gesamt-Preis von Test und Ticket müssten Entscheidungsträger beachten.

Kampnagel setzt weiter auf digitale Angebote

Kampnagel hat eigene Konzepte und könnte Publikum sogar vor Ort testen. Doch wegen des politischen Zickzack-Kurses setzt die Leitung weiterhin auf digitale Angebote.

Sie habe Verständnis für die Politik, sagt Intendantin Amelie Deuflhard. "Ich habe nur kein Verständnis für diesen Kurs, der ununterbrochen wechselt und der aus meiner Sicht zu wenig auf die Vorschläge von den Kulturschaffenden eingeht. Wir machen alle selbst Konzepte, wir brauchen keine Behörden, die Sicherheitskonzepte für uns machen."

Sorge um Wirtschaftlichkeit von Konzerten

Die Karsten Jahnke Konzertdirektion hält stufenweise Öffnungen zwar für sinnvoll, hat aber Bedenken hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit, wenn für Konzerte mit weniger Besuchern noch Tests und mehr Personal notwendig sein sollten.

Geschäftsführer Ben Mitha erklärt: "Zum einen müssen wir auf der Kostenseite gucken, dass Schnelltests noch günstiger werden, zum anderen sehe ich ein ganz großes und wichtiges Thema in der Digitalisierung und Nachverfolgbarkeit." Mitha denkt an eine App, in die man etwa per QR-Code den Selbsttest leicht einlesen können. So, dass das Ergebnis auch vor Ort für jeden Ordner und jede Sicherheitskraft leicht erkennbar sei.

Kulturbehörde arbeitet an Konzepten

Die Kulturbehörde versteht den Frust der Kulturbranche. Man wolle nun noch intensiver praktikable Konzepte entwickeln. "Wir müssen jetzt die Zeit dringend nutzen, um die Öffnungsschritte, die es hoffentlich irgendwann wieder geben wird, so gut vorzubereiten, dass wir dann auch schnell wieder aufmachen können", so Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde.

Die zahlreichen Testzentren in der Stadt müssten so gut in das System eingebunden werden, dass auch die Kultureinrichtungen davon profitierten und auch eine Sicherheit hätten, um wieder aufmachen zu können.

Kontaktregeln wieder verschärft

Die sogenannte Notbremse ist seit Sonnabend in Hamburg in Kraft. Im Einzelhandel ist nur noch "Click and Collect" statt "Click and Meet" möglich. Geschäfte dürfen also keine Kundinnen und Kunden mehr mit Termin empfangen, sondern nur noch bestellte Ware herausgeben. Museen, Ausstellungen und Zoos dürfen nicht mehr öffnen.

Auch private Kontakte beschränken sich wieder auf eine Person außerhalb des eigenen Hausstands, allerdings werden Kinder bis 14 Jahre dieses Mal nicht mitgezählt.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.03.2021 | 19:30 Uhr

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