Wie das "Drob Inn" Süchtigen auch in der Corona-Zeit hilft

Stand: 19.01.2021 20:09 Uhr

Hinter dem Hamburger Hauptbahnhof stehen oft viele Menschen, auch dichtgedrängt. Dort befindet sich die Drogenberatungsstelle und der Konsumraum "Drob Inn". Und dass so viele Menschen dort auf einmal sind, wird von Stadt und Polizei geduldet, denn die Abhängigen erhalten hier wichtige Hilfe, die sie woanders nicht in dieser Form erhalten.

von Silke Schmidt

Der Arzt Fabian Vorberg und seine Kollegen versorgen täglich 100 Männer und Frauen, die von Opioiden wie Heroin abhängig sind, mit Methadon - ohne Krankenversicherung. Das ist bundesweit in dieser Größenordnung einmalig. "Die Methadonpumpe ist mit einem Computersystem gekoppelt. Zur Identitätskontrolle legen die Patienten und Patientinnen ihren Finger auf einen Fingerabdruckscanner", erklärt Vorberg. "Ich sehe dann als Arzt sofort im Computer, wie die aktuelle Dosis des Patienten ist, die wir vorher gemeinsam festgelegt haben."

Für einen Tag frei von Suchtgefühlen

Das Leben für Süchtige ist härter geworden - auch weil Einnahmequellen wie Betteln quasi weggefallen sind. Eine der Betroffenen ist Manuela, die seit vielen Jahren abhängig und derzeit auch ohne eigene Wohnung ist. Nach einem Fingerabdruck-Check gibt Vorberg ihre Dosis an der Pumpe frei. Ein paar Milliliter gelblich eingefärbtes Methadon fließen in einen Einweg-Pappbecher. Manuela trinkt. Und dann noch ein Schluck Wasser zum Nachspülen, denn Methadon ist bitter. Bis morgen ist Manuela frei von Suchtgefühlen, ist dankbar und gerne hier: "Jeden Tag! Ich bin sehr, sehr zufrieden. Ich bin froh, dass es dieses Projekt gibt."

Arzt mit einer Methadon-Pumpe.
Der Arzt Fabian Vorberg und seine Kollegen versorgen täglich rund 100 Süchtige mit Methadon.

Vorberg erläutert, warum die Methadon-Gabe so wichtig ist: "Der Vorteil ist, dass es ein medizinisches reines Produkt ist, was jeden Tag die gleiche Qualität besitzt, was frei von Streckstoffen ist und zudem bis zu ungefähr für 24 Stunden wirkt." Patientinnen und Patienten könnten damit ein völlig normales Leben führen, "das heißt für 24 Stunden frei von Entzugserscheinungen sein".

"Den Kopf frei für andere Dinge"

Viele, die hierherkommen, haben keine Krankenversicherung - und konnten deshalb bisher in kein Methadon-Programm aufgenommen werden. Doch die Stadt unterstützt das Programm. Sozialpädagogin Lisa Kunzelmann sieht Chancen, dass so denen, die sonst durch alle Raster fallen, auch längerfristig geholfen werden kann: "Sie haben den Kopf ein bisschen frei für andere Dinge." Sie hätten dadurch Zeit, sich Gedanken zu machen, wie sie ihr Leben zukünftig gestalten wollen, zum Beispiel auch darüber, ob sie eine Therapie machen wollen.

Das "Drob Inn" ist Anlaufpunkt für die gesamte Süchtigenszene Hamburgs. Stadt und Polizei dulden Menschenansammlungen vor der Tür in diesem speziellen Fall. Für Christine Tügel, Geschäftsführerin des "Drob-Inn"-Trägers "Jugendhilfe e.V." eine logische Konsequenz: "Wenn die Menschen hier nicht bei uns wären, dann wären sie woanders im Stadtgebiet. Und so ist es natürlich auch ein Teil des Infektionsschutzes zu sagen: Sie sind hier an einem Platz und nicht überall verteilt in der Stadt."

Bis Ende März gesichert

Die Methadon-Ambulanz läuft gesichert noch bis Ende März. Ob die Hamburger Sozialbehörde auch längerfristig grünes Licht gibt, hängt von den derzeitigen Haushaltsberatungen ab. Im "Drob Inn" zumindest setzen alle darauf.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 19.01.2021 | 19:30 Uhr

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