Stand: 09.10.2019 13:51 Uhr  - NDR Info

E-Scooter: Hohe Sturzgefahr bei Tempo 20

Seit knapp drei Monaten fahren sie durch Hamburgs Innenstadt: E-Scooter. Die Flitzer erregen in den sozialen Netzwerken die Gemüter. Im Interview spricht der Verkehrswissenschaftler Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg über deutsche Ordnungsliebe, Gewöhnungseffekte und einer unsicheren Konstruktion der neuen Fahrzeuge.

Professor Wolfgang Maennig © TU Hamburg Foto: TU Hamburg
Wolfgang Maennig ist Verkehrswissenschaftler an der Universität Hamburg.

Herr Maennig, viele Kritiker ärgern sich über das vermeintlich wilde Abstellen von E-Scootern auf Geh- und Radwegen. Ist die Kritik berechtigt? Oder ist das Geschimpfe nur Ausdruck typisch deutscher Ordnungsliebe?

Wolfgang Maennig: Es stimmt, wir Deutsche sind strukturkonservativ. Das meiste Neue ist uns erst einmal unangenehm. Der Fehler lag bei den Behörden, die das Abstellen von E-Scootern nicht reguliert haben. Die Nicht-Regulierung und Nicht-Ausweisung von Flächen ist ein Politik- und Verwaltungsversagen. Die Behörden hatten lange genug Zeit, aus den Erfahrungen in anderen Ländern zu lernen.

Autos besetzen seit Jahren ganz selbstverständlich öffentlichen Raum - und längst nicht immer regelkonform. Über E-Tretroller auf Bürgersteigen und Radwegen scheinen sich die Bürger derzeit aber mehr aufzuregen.

Maennig: Das stimmt, bei falsch geparkten Autos scheint es einen gewissen Gewöhnungseffekt zu geben. Aber dem wilden Abstellen von Scootern könnten die Städte ganz leicht ein Ende bereiten: einfach an jeder Kreuzung eine Auto-Parkfläche in E-Scooter-Parkfläche umwandeln. So wären die Roller jederzeit schnell zu erreichen und adäquat abgestellt. Für die städtischen Behörden wäre das kostengünstig einzurichten.

Heiß diskutiert wird auch, dass es auf Geh- und Radwegen durch E-Scooter noch gefährlicher geworden ist. Sie seien gefährlich schnell und die Fahrer würden sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Autos stellen aber doch eine viel größere Gefahr für Radler und Passanten dar.

Maennig: Auf den Gehwegen sind E-Roller in der Regel tabu, hier ist der Nutzer klar in der Verantwortung. Die Städte müssen Verstöße gegen die Vorschriften adäquat ahnden. Die E-Roller sind auch für die Nutzer problematisch: Die Räder sind zu klein und es gibt keine Federung - selbst normale Kinderroller fahren besser. Für diese simple Konstruktion ist Tempo 20 tatsächlich recht schnell, denn jede Unebenheit stellt eine Sturzgefahr dar. Auch die Bremsen sollten standardisiert sein. Derzeit befinden sie sich bei den verschiedenen Anbietern an unterschiedlichen Stellen.

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Stichwort Verkehrswende: Welche Vorteile haben E-Tretroller in Sachen Mobilität?

Maennig: In Sachen Verkehrswende ist der Beitrag sehr gering. Denn E-Scooter werden vor allem von Touristen genutzt, und wahrscheinlich selten für mehr als einen Kilometer. Es ist ein Fun-Gefährt, das nicht für längere Strecken geeignet ist. Der Pkw-Verkehr wird deshalb kaum verringert - wenn, dann dürften die Fußwege reduziert werden. E-Bike-Sharing könnte eher einen Beitrag zur Verkehrswende leisten.

Wie viele Mobilitätsangebote verträgt die Stadt noch?

Maennig: Insgesamt ist die Infrastruktur ausreichend, wenngleich es zu Stoßzeiten durchaus Probleme gibt. Wir müssen allerdings beobachten, ob die Aufteilung der vorhandenen Verkehrsfläche noch richtig ist. Zum Beispiel steigt die Zahl der Radfahrer und E-Roller-Fahrer an. Deshalb kann überlegt werden, ob man Radwege verbreitert und zu wessen Lasten. Sperrt man also Autostraßen zugunsten von Radlern oder nimmt man den Fußgängern einen Teil des Gehweges weg? Aber letztlich ist es noch zu früh, konkrete Aussagen über die Auswirkungen der neuen Mobilitätsformen zu treffen. Wir haben einfach noch nicht genug empirische Daten.

Das Interview führte Birgit Broecheler, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 06.08.2019 | 18:25 Uhr

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