Stand: 31.10.2019 08:41 Uhr  - NDR 90,3

SS-Prozess: "Völlig unzureichende Versorgung"

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Marek Dunin-Wasowicz (links) ist Überlebender des KZ Stutthof und sagt im Prozess als Zeuge und Nebenkläger aus.

Im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof hat am Mittwoch erneut ein polnischer Überlebender als Zeuge ausgesagt. Das Gericht bat Marek Dunin-Wasowicz dabei auch schlimmste Erinnerungen wachzurufen.

Der 93-Jährige schilderte die Ankunft der ersten ungarischen Juden im KZ Stutthof. Im Herbst 1944 habe er bei der Rückkehr von der Arbeit Frauen, Männer und Kinder vor dem Stacheldraht des Lagers bei Danzig liegen sehen - ohne Essen und Trinken. Sie seien dort von SS-Männern bewacht worden, da die Baracken für das sogenannte Judenlager noch nicht fertig gewesen seien. Am Tag nach der Ankunft seien die Juden selektiert worden.

"Entschuldigung, ich bin ein denkender Mensch"

Die Vorsitzende Richterin fragte, ob im Lager darüber gesprochen worden sei, dass Juden getötet wurden. Darauf reagierte der Zeuge ungehalten. "Entschuldigen Sie, ich bin ein denkender Mensch: Wenn Tausende Juden gekommen sind und niemand sie bei der Arbeit gesehen hat, dann haben sie sich doch nicht in Luft aufgelöst", sagte Dunin-Wasowicz. Irgendwas müsse doch passiert sein, so der 93-Jährige. Nach einer Verhandlungspause erklärte die Richterin, es gehe ihr nicht darum, die Erinnerungen des Zeugen anzuzweifeln. Sie befrage ihn wie jeden anderen Zeugen. Dunin-Wasowicz berichtete auch über die völlig unzureichende Versorgung und Unterbringung der Häftlinge.

"Ich habe die Gaskammer gesehen"

Bereits am Montag hatte der 93-Jährige als Zeuge ausgesagt. Dunin-Wasowicz erklärte dabei, dass er zusammen mit seinem Bruder am 25. Mai 1944 in das Lager bei Danzig gebracht worden sei. Dass Menschen in der Gaskammer von Stutthof getötet wurden, sei unter den Häftlingen ein "offenes Geheimnis" gewesen.

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1944 war Marek Dunin-Wąsowicz als politischer Gefangener ins KZ Stutthof bei Danzig gekommen.

"Ich habe die Gaskammer gesehen, aber direkt habe ich das nicht gesehen", sagte er nach den Worten einer Dolmetscherin über die Mordaktionen der SS. "Wenn die Häftlinge von den SS-Leuten abgeholt wurden, von der Arbeit oder der Baracke, und sie nie wieder aufgetaucht sind, dann war es klar, dass sie ermordet worden sind", sagte der Zeuge. Er erzählte zudem, dass es im Lager auf dem zentralen Appellplatz öffentliche Hinrichtungen von Gefangenen gab.

Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen?

Angeklagt ist in dem Prozess Bruno D. Als ehemaliger SS-Wachmann soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es laut Anklage gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern.

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Der 93-Jährige hatte zuvor erklärt, er sei nicht freiwillig Wach- und SS-Mann geworden. Wegen eines Herzfehlers sei er nicht kriegsverwendungsfähig gewesen und als 17-jähriger Wehrmachtssoldat zum Wachdienst nach Stutthof abkommandiert worden.

Kurze Prozesstage

Für den Prozess sind zunächst Verhandlungstage bis zum 17. Dezember vorgesehen. Jeder Prozesstag werde nicht länger als zwei Stunden dauern, weil der Angeklagte gesundheitlich angeschlagen sei, sagte ein Gerichtssprecher. 36 Überlebende des Konzentrationslagers und Angehörige von NS-Opfern treten als Nebenkläger auf.

Ausstellung: So war es im KZ Stutthof

Systematische Tötung von Lagerinsassen

Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen. Während der Wachtätigkeit des Angeklagten sei es zur systematischen Tötung von Lagerinsassen gekommen, so die Hamburger Staatsanwaltschaft. "Häftlinge wurden überwiegend durch Genickschüsse im Krematorium des Lagers oder durch Verabreichung von Giftgas (Zyklon B) getötet." Zudem seien zahlreiche Personen durch gezielten Nahrungs- und Wasserentzug sowie Verweigerung medizinischer Versorgung ums Leben gekommen.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. begann 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Es könnte der letzte Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Täter sein. Zwar laufen bundesweit noch 29 Strafverfahren wegen Nazi-Verbrechen, wegen des hohen Alters der Verdächtigen werden Gerichtsverfahren jedoch immer unwahrscheinlicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 28.10.2019 | 19:30 Uhr

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