Stand: 21.11.2019 19:50 Uhr

Historikerin gegen Wiederaufbau von Synagoge

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Möchte den Platz der alten Bornplatz-Synagoge als Mahnmal erhalten: Miriam Rürup.

Es gibt Kritik an den Plänen zum Wiederaufbau der alten Synagoge im Hamburger Grindelviertel. Nachdem Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) seine Unterstützung bekundet und der Bund 600.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie in Aussicht gestellt hatte, regt sich nun Widerstand. Miriam Rürup, die Direktorin des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, fordert im NDR 90,3 Kulturjournal, den leeren Platz als Mahnmal zu erhalten. Die ehemalige Bornplatzsynagoge galt als Wahrzeichen des einst reichen jüdischen Lebens in Hamburg. Sie war die größte Synagoge Norddeutschlands. Im Zuge der Pogrome des 9. November 1938 wurde sie von NS-Schergen verwüstet.

Warum sind Sie gegen einen Wiederaufbau der Synagoge am historischen Ort?

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Der Grundriss der ehemaligen Synagoge auf dem Joseph-Carlebach-Platz.

Miriam Rürup: Der leere Platz zeigt als sichtbare Lücke, die der Nationalsozialismus in unserer Stadt hinterlassen hat, wie groß die Synagoge und wie reichhaltig das jüdische Leben war und dass diese Juden heute nicht mehr da sind. Meine Frage ist, warum man sich architektonisch etwas wieder herbeiwünscht, was unwiederbringlich verloren ist, weil es von deutscher Seite böswillig zerstört wurde. Wenn wir als Nachkriegsgesellschaft 80 Jahre später sagen "Wir bauen das wieder auf!", macht sich bei mir das Unbehagen breit, dass man genau diesen Verlust überdecken möchte.

Wäre der Wiederaufbau in Zeiten von Halle und einem wachsenden Antisemitismus nicht auch ein starkes Symbol?

Rürup: Das ist etwas, was mich an dem Vorstoß freut, dass man ein sichtbares Zeichen für jüdisches Leben und jüdische Kultur in dieser Stadt möchte. Aber wieso soll denn automatisch die Antwort ein religiöses Zeichen sein? Sollte man nicht ein bisschen breiter schauen? In dieser Stadt gibt es relativ viele Orte jüdischen Lebens und jüdischer Kultur.

An welchen Ort denken Sie?

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Die Bornplatzsynagoge in Hamburg wurde in der NS-Zeit zerstört.

Rürup: In der Poolstraße in der Hamburger Neustadt befinden sich in einem Hinterhof die Reste eines alten Tempels des Reform-Judentums. Diese Ruine verrottet gerade. Wenn man jetzt im Novemberwetter dort ist, wird es einem eng ums Herz. Man sieht dort eigentlich eine Perle, mit der Hamburg etwas Großes zeigen könnte, nämlich Hamburg als Wiege eines modernen, liberalen Judentums. Das ist der erste Tempel weltweit, der vom Reform-Judentum errichtet wurde. In einer Machbarkeitsstudie sollte dieser Ort in jedem Fall berücksichtigt werden.

Das wäre dann aber auch ein religiöser Ort.

Rürup: Ja, das wäre ein religiöser Bau, aber einer, der von der Gemeinde verlassen und nicht in der Pogromnacht zerstört wurde. Es ist also ein Ort, der nicht zugleich auch ein Mahnmal ist. Dort sähe ich dann künftig auch keine Synagoge, sondern ein Kulturzentrum, einen Ort der Begegnung, oder auch ein Museum zur jüdischen Geschichte Hamburgs. Man könnte auch einen Ort wie das ehemalige Israelitische Krankenhaus in der Simon-von-Utrecht-Straße wählen. Ich bin nur vehement dagegen, das Mahnmal im Grindelviertel mit einem Vorkriegsbau zu überbauen. Für mich symbolisiert so etwas, auch wenn es nicht intendiert ist, eine gewisse revisionistische Grundhaltung, die gespeist ist aus der Idee, man könne die schöne, heile Welt der Vorkriegszeit wiederherstellen, denn das können wir nicht.

Das Interview führt Stefanie Wittgenstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 21.11.2019 | 19:00 Uhr

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