Stand: 17.10.2019 06:00 Uhr

"Rädchen der Mordmaschinerie": KZ-Wachmann vor Gericht

von Julian Feldmann

Als das Hamburger Landeskriminalamt 2016 sein Haus im Süden der Hansestadt durchsucht, bittet Bruno D. einen Beamten gleich in seinen Wintergarten. Er gibt gegenüber dem Ermittler zu, im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig als Wachmann Dienst gemacht zu haben. Hunderte Leichen habe er gesehen, sagte D. laut einem Vermerk in der Ermittlungsakte. Mordtaten selbst will D. allerdings nicht gesehen haben, die Menschen seien an Krankheiten gestorben. Gewusst habe er aber auch von Vergasungen im Lager, erklärte er dem Kriminalpolizisten. Die Staatsanwaltschaft Hamburg eröffnete 2016 das Verfahren gegen Bruno D., der heute 93 Jahre alt ist. Der Vorwurf lautet Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen.

EIne Visualisierung zeigt einen Soldaten vor einem Zaun. © NDR Foto: Screenshot

Bruno D.: Der Fall in Zahlen

NDR 90,3 - NDR 90,3 Aktuell -

Der SS-Wachmann Bruno D. des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vor dem Landgericht Hamburg verantworten.

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"Bekleidungsnachweis" führt zu Bruno D.

Die sogenannten Vorermittlungen hatte die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg bei Stuttgart geführt. Hier suchen Staatsanwälte auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nach mutmaßlichen Tätern aus der Nazi-Zeit. Bei ihren Recherchen im Archiv des heutigen Museums der Gedenkstätte des KZ Stutthof stießen die Ermittler auf einen "Bekleidungsnachweis" der SS vom August 1944, auf dem der Name Bruno D. mit seiner Unterschrift zu lesen ist. Dieses Dokument brachte sie auf die Spur des Wachmanns Bruno D., der seit Jahrzehnten in Hamburg lebt.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. beginnt 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

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Bruno D. wusste von Gaskammer

Gegenüber der Staatsanwaltschaft hat sich Bruno D. in mehreren Vernehmungen eingelassen und über seine Zeit als Aufseher im KZ berichtet. Im Kameradenkreis, so sagte es D. 2018 in einer Befragung, sei auch mal die Rede von "Judenvernichtung" gewesen. Auch an die Gaskammer und das Krematorium konnte er sich erinnern. Ihm hätten die Insassen leidgetan, sagte D.. Mitverantwortlich für die Mordtaten fühlte sich D. jedoch nicht. Es habe für ihn keine Ausflüchte gegeben, sich vor dem Wachdienst zu drücken. Und selbst wenn, dann hätten sie einen anderen Soldaten gefunden, der den Dienst gemacht hätte, sagte D. dem Staatsanwalt. Gegenüber dem NDR wollte Bruno D. sich nicht zu den Vorwürfen äußern.

Von der Wehrmacht zur SS

Im Prozess wird es vor allem um die Frage gehen, ob Bruno D. dem Dienst im KZ hätte entgehen können und ob er durch seine Wachtätigkeit das systematische Morden unterstützt hat. Wegen einer angeblichen Herzerkrankung wurde D. nach eigenen Angaben 1943 als "nicht frontfähig" gemustert. Zunächst kam er zu einer Einheit der Wehrmacht, die im Sommer 1944 in die SS-Wachmannschaft übernommen wurde. Ab August 1944 gehörte er dann zur 1. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbannes und stand unter anderem auf den Wachtürmen im KZ Stutthof.

Womöglich letzter NS-Prozess

Weil Bruno D. zur Tatzeit 17 und 18 Jahre alt war, muss er sich seit dem 17. Oktober vor der Jugendstrafkammer verantworten. Es könnte der letzte Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Täter sein. Zwar laufen bundesweit noch 27 Ermittlungsverfahren wegen Nazi-Verbrechen, wegen des hohen Alters der Verdächtigen werden Gerichtsverfahren jedoch immer unwahrscheinlicher.

Als Wachmann im KZ Stutthof

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 17.10.2019 | 06:00 Uhr

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