Stand: 24.11.2018 00:00 Uhr

Omas gegen rechts: Für eine offene Gesellschaft

von Charlotte Horn, NDR Info

Bei der Hörer-Aktion "Nicht meckern, machen!" hat NDR Info Initiativen, Vereine oder Menschen aus dem Norden gesucht, die etwas bewegt und so Dinge zum Besseren verändert haben. Aus den vielen Zuschriften sind sechs Initiativen ausgewählt worden. Gemeinsam mit den vier norddeutschen Tageszeitungen "Hannoversche Allgemeine Zeitung", "Hamburger Abendblatt", "Kieler Nachrichten" und "Ostsee-Zeitung" stellen wir die sechs Projekte vor. In diesem Fall geht es um die Bewegung "Omas gegen rechts", die sich gegen einen zunehmenden Rechtsruck wendet.

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Dörte Schnell (l.) und Andrea Herzog gehen mit den "Omas gegen rechts" auf die Straße. Sie demonstrieren gegen Fremdenfeindlichkeit.

Die 63-jährige Dörte Schnell verteilt Buttons mit der Aufschrift "Omas gegen rechts". "Hallo, ich bin Dörte. Wollt ihr noch einen Button haben?" Das Duzen kennt sie noch aus ihrer Zeit, als sie gegen Atomkraftwerke auf die Straße gegangen ist. Etwa 30 Frauen sind heute zum Treffpunkt im Hamburger Hauptbahnhof gekommen. Für diesen Abend ist eine "Merkel muss weg"-Demonstration angemeldet. Die Omas werden bei der Gegendemonstration mitlaufen. Die Schilder für die Demonstration stehen bereit, jetzt müssen mit der Heliumflasche noch weiße Luftballons aufgeblasen werden. "Wer kann Knoten machen?"

"Das Erstarken der AfD finde ich bedrohlich"

Eine Frau hält ein Plakat nach oben mit der Aufschrifft: "Omas gegen Rechts" Im Hintergrund ist ein Gebäude von Saturn zu erkennen. Weitere Menschen befinden sich neben der Frau, es ist etwas dunkler. © NDR Foto: Charlotte Horn

Der Hamburger Ableger von "Omas gegen rechts"

NDR Info - Aktuell -

Die Bewegung "Omas gegen rechts" hat sich im vergangenen Jahr in Österreichs Hauptstadt Wien gegründet. In Deutschland ist sie schon in vielen Städten aktiv - auch in Hamburg.

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Anfang des Jahres hatte Dörte Schnell von den "Omas gegen rechts" in der Zeitung gelesen. Die Idee dazu hatten im vergangenen Jahr Frauen über sechzig in Österreichs Hauptstadt Wien, als sich eine Regierung unter Beteiligung der Rechtspopulisten aus der FPÖ abzeichnete. Mittlerweile ist die Bewegung in Österreich etabliert, in Deutschland sind Frauen in 18 Städten aktiv - auch in Hamburg.

Mit Andrea Herzog und zwei weiteren Frauen gründete Schnell dann die Hamburger Facebook-Gruppe - inzwischen mit 120 Mitgliedern. Einmal im Monat treffen sie sich. "Mich hat das Erstarken der AfD dazu motiviert. Das empfinde ich als bedrohlich." Dörte Schnell kann sich außerdem gut daran erinnern, wie es in den 1970er-Jahren war. "Damals, in meiner Jugend, haben wir unsere Eltern gefragt: Warum habt ihr nichts gemacht gegen Hitler, gegen das Dritte Reich?" Nie habe sie das verstehen können. Zwar räumt sie ein, dass die Situation jetzt nicht dieselbe sei. Trotzdem müsse man dringend etwas tun: "Und da kamen die Omas genau richtig."

Einige demonstrieren zum ersten Mal

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Andrea Herzog (r.) will in Deutschland die Buntheit für ihren Enkel erhalten. Dafür macht sie bei den "Omas gegen rechts" mit.

Die Gruppe setzt sich langsam in Bewegung in Richtung Hamburger Dammtor-Bahnhof. Dörte Schnell wirkt routiniert. Auf die Straße gegangen ist sie früher schon gegen den NATO-Doppelbeschluss und gegen den Abtreibungs-Paragrafen 218. Aber längst nicht alle in der Gruppe der "Omas gegen rechts" haben eine linke Vergangenheit. Einige waren sogar noch nie zuvor auf einer Demonstration. Und das müssen sie auch nicht. Die Gruppe versteht sich als überparteilich. Was sie eint, ist das Engagement gegen rechte Bewegungen.

Einschüchterungsversuche verfehlen ihre Wirkung

Es haben nicht mal alle Omas wirklich Enkel. Dörte Schnell schon, sie hat fünf. Doch mehr Persönliches möchte sie lieber nicht sagen. Sie erinnert sich noch gut an die Anti-Rassismus-Demonstration Ende Mai in Berlin - und an die Rückfahrt im Zug. "Wir sind mit AfDlern zurückgefahren. Das war nicht so ganz angenehm." Wie sie berichtet, machten diese Fotos von den "Omas" und veröffentlichten sie auf ihrer Seite. Offenbar ein Einschüchterungsversuch. "Aber ich glaube, wir haben ein Alter erreicht, dass wir sagen: Diese Angst wollen wir uns nicht mehr leisten."

"Oma sein ist für mich eine Haltung. Wir sind mutig!"

Dann geht es los. Zwischen den 2.000 anderen Demonstranten fällt die Gruppe mit den weißen Plakaten und Ballons mit dem Schriftzug "Omas gegen rechts" schnell auf. Vor allem jüngere Teilnehmer und auch Passanten bleiben stehen, lächeln und machen Handyfotos.

Inzwischen ist Andrea Herzog zu der Gruppe dazugestoßen. Die pensionierte Lehrerin, die Deutschkurse für Flüchtlinge gibt, läuft auf Fußgänger in der Einkaufsstraße zu und drückt ihnen Info-Flyer in die Hand: "Wollen Sie vielleicht mehr Informationen?" Die meisten zeigen sich interessiert.

Oma zu sein, das sei für sie eine Haltung, sagt die 66-Jährige. "Omas sind mutig, haben nicht viel zu verlieren. Man hat Lust sich einzumischen und zu sagen: Leute, was hier passiert, das wollen wir nicht." Ihr gehe es darum, die offene Gesellschaft zu bewahren - mit all ihren Möglichkeiten: "Dieses Gefühl von einer Buntheit, die möchte ich für meinen Enkel, aber auch für mich erhalten."

"Es wird die Omas wohl noch lange geben müssen"

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Mit diesen Buttons geben sich die "Omas gegen rechts" zu erkennen.

Der Zug läuft inzwischen langsam bis kurz vor den Bahnhof Dammtor. Dörte Schnell, Andrea Herzog und ihre Mitstreiterinnen stehen direkt vorne an der Absperrung, vor ihnen Polizisten in voller Ausrüstung. Irgendwann ziehen sich die Omas nach hinten zurück.

Dörte Schnell stellt sich darauf ein, dass die "Omas gegen rechts" noch lange am Ball bleiben müssen. "Es wäre ja schön, wenn es die 'Omas gegen rechts' nicht mehr geben bräuchte, dann würden wir was anderes tun. Aber ich fürchte, es wird sie noch länger geben."

In Norddeutschland tauschen sich die Hamburger Omas auch mit den Gruppen in Kiel und Bremen aus. Auch in Neumünster gibt es eine neue Gruppe. Die Bewegung wächst und hat neue Aufgaben vor sich, sagt auch Andrea Herzog: "Als nächstes geht's los mit dem Europa-Wahlkampf. Da haben wir eine klare Position. Es geht weiter - und wir werden mehr!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.11.2018 | 07:50 Uhr

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