Axel Wedler sitzt an seinem Schreibtisch © Anina Pommerenke /NDR

Normal leben mit HIV: Ein Hamburger kämpft gegen das Stigma

Stand: 01.12.2021 10:25 Uhr

Eine Infektion mit dem HI-Virus kam jahrzehntelang einem Todesurteil gleich. Doch mittlerweile hat die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Betroffene führen in der westlichen Welt heutzutage ein normales Leben. Trotzdem werden Erkrankte nach wie vor stark stigmatisiert - darauf macht auch der Welt-Aids-Tag aufmerksam.

von Anina Pommerenke

Wie so viele Menschen in diesen Tagen arbeitet auch Axel Wedler zurzeit im Homeoffice. Auf seinem Schreibtisch hat der Hamburger eine Kanne Tee neben der grünen Zimmerpflanze stehen. Vor dem Fenster trocknet noch die Wäsche auf dem Wäscheständer. Gleich geht es in die nächste Videokonferenz. Der 58-Jährige ist Senior Manager bei dem IT-Beratungsunternehmen IBM. Wedler führt heute ein ganz normales Leben. Das sah 2002 anders aus.

Plötzliche Erkrankung - dann die Schock-Diagnose

Damals erkrankte Wedler plötzlich schwer, die Ursache wurde eher zufällig gefunden: eine Infektion mit dem HI-Virus. Die hatte sich Wedler vier Jahre zuvor bei einem Urlaub in der Karibik eingefangen. Nach einer Sportverletzung hatte er dort eine Bluttransfusion erhalten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war diese mit dem HI-Virus verunreinigt. Das Problem: Die karibische Variante des Virus ließ sich damals noch gar nicht standardmäßig nachweisen. Nach verschiedenen Krankenhausaufenthalten und Arztbesuchen konnte schließlich ein Arzt im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die Ursache für Wedlers schlechten Zustand ausmachen. Die Diagnose sei ein Schock gewesen, sagt Wedler. Er habe damit überhaupt nicht gerechnet. Außerdem war bei ihm bereits AIDS ausgebrochen. Die Krankheit geht mit einer enormen Schwächung des Immunsystems einher - damals ein sicheres Todesurteil.

Das Virus lässt sich im Blut nicht mehr nachweisen

"Die Ärzte haben mir ins Gesicht gesagt: 'Wenn wir Sie nicht behandeln, werden Sie innerhalb von ein paar Wochen oder Monaten sterben. Wenn es uns gelingt Sie zu behandeln, werden Sie mit Glück noch vier bis fünf Jahre leben'." Das ist nun fast zwanzig Jahre her. Wegen des enormen medizinischen Fortschritts geht es Wedler deutlich besser, sein Immunsystem hat sich erholt. Das Virus lässt sich in seinem Blut gar nicht mehr nachweisen - es ist auch nicht mehr übertragbar. Nur eine Tablette nehme er am Tag, eine wahnsinnige Erleichterung. Zu Beginn habe er 14 Tabletten täglich nehmen müssen, zu unterschiedlichen Tageszeiten, teilweise ohne sie mit Essen oder Trinken zu kombinieren. Dank der neuen Medikamente ist auch ein normales Sexualleben oder Familienplanung heutzutage für HIV-Patienten kein Problem mehr.

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Deklaration für mehr Akzeptanz gestartet

Rund 97 Prozent der Betroffenen in Deutschland nehmen entsprechende HIV-Medikamente. Doch vielen Menschen sei noch immer unklar, dass die Infektion dann nicht mehr übertragbar ist, berichtet Wedler. Offen mit der Krankheit umgegangen ist Wedler zunächst nicht. Er verschwieg seine Erkrankung zunächst auf Rat seiner Ärzte. Als er IBM doch davon erzählte, habe er volle Unterstützung erfahren, so der Hamburger. Wedler ist einer der Mitbegründer der Initiative #positivarbeiten - sie setzt sich seit 2019 gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung von erkrankten Menschen am Arbeitsplatz ein. Arbeitgeber unterzeichnen eine Deklaration. Sie gehen damit keine rechtlichen Verpflichtungen ein, aber sie signalisieren ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie offen mit ihren Erkrankungen umgehen können, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen. Das betreffe lange nicht mehr nur HIV, sondern auch Menschen mit Depressionen oder Alkohol-Sucht, sagt Wedler. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Unternehmen und Politikerinnen und Politiker in immer mehr Ländern angeschlossen.

HIV/AIDS: Noch viele Klischees

Im Zuge der Initiative hält Wedler unter anderem gemeinsam mit einem Kollegen Vorträge. Gelegentlich merke er in Anschlussgesprächen, dass HIV/AIDS oft noch mit gewissen Klischees behaftet ist: "Die Menschen sind mit ihrem Wissen in den 1990er-Jahren hängen geblieben." Die Erkrankung werde direkt mit einer sexuellen Orientierung in Verbindung gebracht. Manche fragen aber auch, wie einem intelligenten Menschen so etwas passieren könne - als ob er selbst Schuld daran sei.

Auch Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe kann bestätigen, dass viele Betroffene immer noch Diskriminierung erfahren: "Die Menschen sagen, gesundheitlich geht es ihnen gut, aber Stigmatisierung macht ihnen das Leben dann wieder unnötig schwer." Das schrecke wiederum viele Menschen vom Test ab - mit fatalen Folgen. Denn je früher die Behandlung erfolge, desto besser.

Versorgungslücken müssen geschlossen werden

Wicht kann aber auch von Versorgungslücken berichten. Zum Beispiel bei dem präventiven Medikament "PrEP", mit dem sich etwa Partnerinnen und Partner von Infizierten vor dem Virus schützen können. Gerade in ländlichen Gegenden oder kleineren Städten gebe es teilweise noch Vorbehalte gegen das Medikament, das seit 2019 von den Krankenkassen bezahlt wird. Mancherorts fehlen immer noch saubere Spritzen für Drogenabhängige, zum Beispiel in den Gefängnissen. Und vereinzelte Gruppen werden nach wie vor mit spitzen Fingern angefasst: "Drogen-konsumierende Menschen, Sexarbeiterinnen und -arbeiter, Menschen in Haft und auch Menschen aus anderen Ländern, die hier keine Krankenversicherung haben." Alle müssten jedoch Zugang zu Präventionsmitteln erhalten, damit die Zahl der Neuinfektionen noch niedriger wird.

Zahl der Neuinfektionen ist rückläufig

Immerhin: Laut Robert Koch-Institut ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem HI-Virus in Deutschland während der Corona-Pandemie zurückgegangen. 2020 haben sich demnach 2.000 Menschen neu infiziert. Doch das Problem ist global: Weltweit leben 38 Millionen Menschen mit HIV. Und bei weitem nicht alle können auf eine medizinische Versorgung zugreifen, wie in Deutschland. Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe hofft daher auch, dass sich die neue Regierung international im Kampf gegen das Virus stärker engagieren wird.

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NDR Info | 01.12.2021 | 09:49 Uhr

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