Nach einer Attacke auf einen jüdischen Studenten liegt ein Blumenstrauß vor einer Synagoge. © NDR Foto: Anna Rüter

Attacke vor Synagoge: Tatverdächtiger in Psychiatrie

Stand: 06.10.2020 07:23 Uhr

Nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Hamburger Synagoge ist der 29 Jahre alte Tatverdächtige in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht worden.

Dem Mann wird versuchter Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen. Er hatte am Sonntag den 26-jährigen Studenten, der eine Kippa trug, vor der Synagoge Hohe Weide schwer verletzt. Die Generalstaatsanwaltschaft, die die Ermittlungen übernommen hat, geht von einer antisemitischen Tat aus. Am Montag erließ eine Untersuchungsrichterin einen Unterbringungsbefehl für die Psychiatrie, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mitteilte.

VIDEO: Entsetzen nach Attacke auf jüdischen Studenten vor Synagoge (3 Min)

Polizeisprecherin weist Vorwurf zurück

Unterdessen weist Sandra Levgrün, Sprecherin der Hamburger Polizei, Vorwürfe des Jüdischen Weltkongresses zu mangelnder Sicherheit zurück. Der Tatverdächtige sei den Sicherheitskräften aufgefallen, als er vor die Synagoge trat. "Die Objektschutzkräfte haben sich dann schon in seine Richtung bewegt, weil er ihnen komisch vorkam. Aber genau in dem Moment hat er dann auch schon den verdeckt getragenen Spaten gezogen und hat zum Angriff übergesetzt. Das ist, selbst wenn Polizei daneben steht nicht immer zu verhindern", sagte sie. Wichtig sei, dass der Mann direkt festgenommen worden sei und weitere Taten verhindert worden seien.

Angreifer schlägt mit Klappspaten zu

Der Mann hatte am Sonntagnachmittag - gekleidet mit einem Tarnanzug - vor der Synagoge in Hamburg-Eimsbüttel einen 26 Jahre alten jüdischen Studenten mit einem Klappspaten geschlagen und ihm schwere Kopfverletzungen zugefügt. Der Student mit Kippa sei "deutlich als Jude zu erkennen" gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Nach dem Angriff habe der 26-Jährige ausgesagt, dass er den Angreifer noch nie gesehen habe. Zudem sei der Schlag völlig unvermittelt gekommen.

Die Hamburger Polizei bestätigte, dass der Angreifer bei der Attacke einen Zettel mit einem Hakenkreuz darauf bei sich hatte. Außerdem wurde ein Taschenmesser bei ihm gefunden. Laut Polizei war der Deutsch-Kasache bereits vorher in psychiatrischer Behandlung. Er soll sich nach dem Angriff auf den jüdischen Studenten merkwürdig verhalten und stocksteif dagestanden haben, bis Polizisten ihn überwältigten.

Polizei: Verdächtiger in psychiatrischer Behandlung

Es sei davon auszugehen, dass der Verdächtige die Tat aufgrund einer psychischen Erkrankung im Zustand erheblicher Einschränkung oder ganz ohne Schuldfähigkeit begangen habe, sagte die Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft. Schon bei seiner Festnahme am Sonntag hatte der Mann nach Polizeiangaben einen extrem verwirrten Eindruck gemacht. Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren war, lebte der Mann im vergangenen Jahr noch in Berlin in einem Übergangswohnheim für Spätaussiedler, Flüchtlinge und jüdische Zuwanderer. Dort soll es zu einem Vorfall gekommen sein, bei dem ein Messer eine Rolle spielte. Zuletzt lebte der 29-Jährige in Hamburg-Langenhorn. Dort wurde die Wohnung des Mannes durchsucht, Datenträger und ein Computer wurden sichergestellt. "Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, dass es vorher schon rechtsextreme Gedanken gab oder er sich in solchen Strukturen bewegt hat. Wir haben auch keine Hinweise darauf, dass es Mittäter oder Mitwisser für diesen Angriff gab", sagte Levgrün NDR 90,3. Das genaue Motiv des Angreifers bleibt unklar, er verweigerte bisher die Aussage.

Nach Informationen des Magazins "Der Spiegel" meldete er sich 2016 zum freiwilligen Wehrdienst und blieb zumindest das Jahr über bei der Bundeswehr. Er sei im Rahmen der Grundausbildung an der Waffe ausgebildet worden, habe aber offenbar nicht an speziellen Kursen teilgenommen. Dem Bericht nach wurde er als Sanitäter eingesetzt.

Mahnwache vor der Synagoge

Nach einer Attacke auf einen jüdischen Studenten liegt ein Blumenstrauß vor der Hamburger Synagoge. © NDR Foto: Anna Rüter
Menschen haben Blumen und Kerzen vor der Synagoge abgelegt.

Mit einer Mahnwache vor der Synagoge setzten am Montagabend nach Polizeiangaben rund 500 Menschen ein Zeichen der Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde. "Diese Attacke zeigt, wie brisant die Lage im Moment ist", sagte Andreas Brämer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden mit Sitz in der Hansestadt. "Ich würde mir wünschen, dass wir in der Zukunft in ganz Deutschland oder weltweit eine Situation haben, wo wir solche Mahnwachen nicht mehr organisieren müssen." Aufgerufen zur Mahnwache hatte das Bündnis gegen Rechts.

Dem Studenten, der in der Synagoge mit anderen Gemeindemitgliedern das jüdische Laubhüttenfest feiern wollte, geht es inzwischen besser.

Erinnerungen an Anschlag in Halle

Sowohl die militärische Kleidung als auch das Datum der Attacke wecken Erinnerungen an den Anschlag auf die Synagoge von Halle an der Saale vor knapp einem Jahr. Dort hatte am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ein schwer bewaffneter Rechtsradikaler versucht, in die Synagoge einzudringen. An diesem Sonntag nun wurde Sukkot gefeiert, das Laubhüttenfest, das im jüdischen Kalender unmittelbar auf Jom Kippur folgt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 06.10.2020 | 06:00 Uhr

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