Das Kultur- und Kommunikationszentrum Fabrik in Hamburg-Altona © picture alliance Foto: Mascha Brichta

Kultur-Revolution: 50 Jahre Fabrik in Hamburg

Stand: 25.06.2021 14:21 Uhr

Die Fabrik in Altona hat Kulturgeschichte geschrieben: Am 25. Juni 1971 öffnete in der ehemaligen Munitionsfabrik in der Barnerstraße das erste Stadtteil-Kulturzentrum in Deutschland.

Anfang der 1970er-Jahre herrschte in Hamburg Aufbruchstimmung. Auch Udo Lindenberg war damals elektrisiert von der Fabrik, erzählte er: "Ich glaube, es ist unheimlich wichtig, solche Alternativ-Dinger zu pflegen und weiter auszubauen, alternativ zu den Verblödungs-Discos."

Wer was verändern will, muss an die Basis gehen - das war das Credo des 2014 verstorbenen Gründers der Fabrik, Horst Dietrich: Er sagte in einem seiner Interviews: "Was wir immer auf unsere Fahnen geschrieben haben ist, dass wir Kultur und Künstler präsentieren wollten, die noch nicht so bekannt sind."

Mikis Theodorakis: Erstes Konzert in Freiheit

Bühne der Fabrik in Hamburg. © Fabrik
Der Innenraum der Fabrik in Altona. Musikerinnen und Musiker schätzen den direkten Kontakt mit dem Publikum, wenn sie auf der niedrigen Bühne stehen.

Dazu zählte zum Beispiel der Grieche Mikis Theodorakis. Der Sänger kam im September 1971 nach Hamburg, von der griechischen Diktatur war er zuvor erst eingesperrt und dann ins Exil gezwungen worden. Nicht nur die Exil-Griechen in Hamburg fieberten seinem Auftritt entgegen, erzählte Dietrich: "Er kam gerade raus aus dem Gefängnis und es gab ein Konzert in Deutschland und das war in der Fabrik." Die 1970er-Jahre seien eine Bewegung, eine Studentenbewegung gewesen, erzählte Dietrich im Rückblick: "Und dann hingen in den Balken die Menschen in der Fabrik. Das war unglaublich!"

Magische Momente mit Miles Davis

Das Konzert von Mikis Theodorakis wurde zum Schlüsselereignis. Plötzlich war es schick, nach Altona zu kommen - in das damals noch heruntergekommene Arbeiterviertel - erinnert sich der NDR Musik-Experte Peter Urban: "Neu war der Treffpunkt. Tagsüber war es auch ein Kulturzentrum, ein soziales Zentrum. Kinder spielten dort. Es war ein Stadtteilzentrum und gleichzeitig eben auch ein Kulturort." Und an dem gab es immer wieder magische Momente. Für Urban war das das Konzert von Miles Davis: "Hier ist ein Weltstar, einer der berühmtesten Musiker der Musikgeschichte steht da auf der Bühne in der Fabrik. Ganz nah. Es war eine heilige Atmosphäre beinahe."

Die Maschinen- und Munitionsfabrik in Hamburg-Altona
AUDIO: 50 Jahre Fabrik: Deutschlands ältestes Stadtteilkulturzentrum (3 Min)

Für Peter Urban eine besondere Bühne

Die Maschinen- und Munitionsfabrik in Hamburg-Altona
Die Maschinen- und Munitionsfabrik in Hamburg-Altona bevor sie 1971 Deutschlands erstes Stadtteil- und Kulturzentrum wurde.

Die besondere Atmosphäre lag auch an dem Ort selbst. Das hat Peter Urban auch mit seiner eigenen Band gemerkt: "Die Bühne ist ja nicht sehr hoch. Das heißt, die Leute schauen dir beinahe auf die Tasten. Und das ist wirklich ganz wunderbar." Das macht auch heute noch den Charme der Fabrik-Konzerte aus. Auch, wenn es hinter der Bühne um einiges professioneller geworden ist, wie Fabrik-Leiterin Ulrike Lorenz sagt: "Es ist natürlich nicht mehr so, wie es in den 1970er- und 1980er-Jahren war, als Kommerz immer böse war. Das geht heute nicht mehr." Gesunder Pragmatismus ist heute das Motto. Immerhin steht die Fabrik heute ohne Existenzängste da - und ist trotzdem kämpferisch geblieben: "Es gibt bestimmte Sachen, die wir hier nicht zeigen, also alle Hiphop Texte, die einfach homophob, sexistisch, rassistisch und bescheuert sind. Wir sind ein offenes Haus".

Und bald kann man die Fabrik auch wieder besuchen. Nach den Sommerferien geht es los mit der Hamburger Boogi Woogie Connection. Für Ulrike Lorenz ist das das schönste Jubiläums-Geschenk nach der langen Corona Pause. Und vielleicht passiert dann ja auch wieder das, worüber der Musiker und Kabarettist Hans Scheibner schon in den 70ern sang: "In Hamburg Altona, Mensch das war 'ne Fabrik, so mancher ging als Spießer hin und kam als Mensch zurück."

Veranstaltungen zum 50. Geburtstag der Fabrik:
8. August: Boogie Woogie Connection mit Axel Zwingenberger
14. August: Konzert mit Inga Rumpf, sie war schon bei der Eröffnung der Fabrik 1971 dabei

Weitere Informationen
Das Kultur- und Kommunikationszentrum Fabrik in Hamburg-Altona © Fabrik Hamburg

"Kultur für alle" - die Hamburger Fabrik

Als alternatives Vorzeigeprojekt gefeiert, abgebrannt, wiederaufgebaut: Die Fabrik hat turbulente Zeiten erlebt. Seit mehr als 40 Jahren gehört sie zum Hamburger Kulturleben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 25.06.2021 | 19:21 Uhr

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