Hamburgs Erzbischof Heße bietet Papst Amtsverzicht an

Stand: 19.03.2021 13:32 Uhr

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat angekündigt, dass er dem Papst seinen Amtsverzicht anbieten will. Er zieht damit die Konsequenzen aus einem Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Bistum Köln, das ihn belastet.

Heße sagte in einer persönlichen Erklärung am späten Donnerstagnachmittag, er habe sich nie an Vertuschungen beteiligt, werde aber seinen Teil der Verantwortung für das Geschehen tragen. "Um Schaden vom Amt des Erzbischofs sowie vom Erzbistum Hamburg abzuwenden, biete ich Papst Franziskus meinen Amtsverzicht an und bitte ihn um die sofortige Entbindung von meinen Aufgaben", erklärte der 54-Jährige. Heße betonte, in seinen Ämtern stets "nach bestem Wissen und Gewissen" gehandelt zu haben. Er habe mit vielen von Missbrauch Betroffenen Gespräche geführt und sie zu verstehen versucht. "Bei allem war und ist mir bewusst, dass ich dabei Fehler gemacht habe." Dies werde ihm erst recht mit dem Blick von heute klar.

Generalvikar Thim leitet Amtsgeschäfte

Nach seinem Rücktrittsgesuch lässt Heße ab sofort seine Amtsgeschäfte ruhen. Generalvikar Ansgar Thim leitet nun das Erzbistum Hamburg kommissarisch, wie das Erzbistums am Freitag mitteilte.

Gutachten stellt Versäumnisse fest

In dem am Donnerstag in Köln vorgestellten Rechtsgutachten zum Umgang von Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln wurde Kardinal Rainer Maria Woelki entlastet, bei weiteren Mitgliedern der Bistumsführung wurden dagegen schwere Pflichtverletzungen festgestellt. Auch dem früheren Kölner Generalvikar und heutigen Hamburger Erzbischof Heße warfen die Gutachter schwere Versäumnisse im Umgang mit Verdachtsfällen sexuellen Missbrauchs vor.

Kanzlei: Elf Pflichtverletzungen von Heße

In keinem einzigen Fall attestieren die Gutachter den Verantwortlichen Strafvereitelung im strafrechtlichen Sinn. Die Anwaltskanzlei machte insgesamt 75 Pflichtverletzungen von 8 lebenden und verstorbenen Verantwortlichen von 1975 bis 2018 aus. Zu Heße hieß es, er habe elf Pflichtverletzungen begangen. Es gehe um Verstöße gegen die Melde- und Aufklärungspflicht.

Der Strafrechtler Björn Gercke sagte bei der Vorstellung des Gutachtens: "Im Erzbistum Köln gab es immer wieder Bestrebungen von einzelnen Verantwortungsträgern, Fälle sexuellen Missbrauchs nicht öffentlich werden zu lassen." Man sei bestrebt gewesen, sie nicht an "die große Glocke" zu hängen, um Reputationsschaden von der Kirche abzuwenden.

Heße seit 2015 Erzbischof in Hamburg

Heße war Mitte März 2015 als Erzbischof nach Hamburg gewechselt. Zum Erzbistum Hamburg gehören auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Heße steht seit Monaten im Zusammenhang mit dem Kölner Missbrauchsskandal in der Kritik. Vor seiner Berufung zum Hamburger Erzbischof war Heße Personalchef im Erzbistum Köln. In dieser Funktion musste er sich mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester auseinandersetzen. Heße bestritt stets die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Vertuschung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 18.03.2021 | 18:00 Uhr

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