Stand: 29.06.2019 06:39 Uhr

Hamburg will Einsamkeit in der Stadt bekämpfen

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Walter Schmidt lebt alleine, hat weder Familie noch Freunde. Vor die Tür geht er nur noch selten.

Der ehemalige Physikingenieur Walter Schmidt hat keine eigene Familie, seine Verwandten und Bekannten sind fast alle schon gestorben. Tagsüber liest er und guckt fern, verlässt selten die Wohnung. Der Hamburger ist einsam. So wie dem 89-jährigen Schmidt geht es vielen Menschen in Deutschland. Studien zufolge ist jeder zehnte Deutsche einsam, ab 85 Jahren ist es sogar jeder Fünfte. Und: Wer allein lebt und sich einsam fühlt, erkrankt häufiger an Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen.

Experten sprechen bei der Einsamkeit mittlerweile von einer Volkskrankheit, die sogar zu Bluthochdruck, Herzkreislauferkrankungen, Entzündungen und Übergewicht führen kann. Die britische Regierung hat eigens ein Ministerin für Einsamkeit eingesetzt. "An den allermeisten Tagen sehe ich keinen Menschen", sagt Schmidt. "Jeden Tag denkt man an den Tod und man fragt sich oftmals: Wozu lebe ich eigentlich überhaupt noch?" Als Walter Schmidt in Rente ging, suchte er sich neue Aufgaben, wurde Hausmeister in seiner Wohnanlage und ging als Zeitzeuge in Schulen. Doch wegen seiner Knieprobleme gab er alles auf. Seitdem fühlt er sich immer einsamer.

Einsamkeit kann krank machen

"Einsamkeit kann besonders psychische, aber auch körperliche Folgen haben. Die häufigsten psychischen Folgen sind depressive Störungen. Das ist auch in vielen Studien gezeigt worden", sagt Psychiater Sönke Arlt. "Körperlich steigt das Herzkreislaufrisiko - die Leute rauchen mehr, essen schlechter und bewegen sich weniger", sagt der Chefarzt der Psychiatrie im Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf. Sei man einsam, fehle etwas: Input, Austausch, positive Rückmeldung von anderen. "Und dann kann es zu Depressionen oder anderen negativen Gefühlen kommen", sagt Arlt. "Ich denke schon, dass es gesellschaftliche Veränderungen gibt, die Einsamkeit begünstigen, zum Beispiel, dass in Städten ältere Menschen häufiger in Single-Haushalten leben."

Seniorenheime schrecken eher ab

Nicht jeder, der alleine lebt ist auch einsam, aber gut ein Drittel fühlt sich wirklich einsam. Schmidt verlässt seine Wohnung nur noch zum Einkaufen. Zu seinen Nachbarn hat er kaum Kontakt, obwohl er die meisten kennt. Trotzdem hängt er an seinem Alltag in den eigenen vier Wänden. Seniorenheime schrecken ihn ab. "Ich weiß, dass es so etwas gibt. Aber das hier ist eine Eigentumswohnung, die gibt man nicht so schnell auf und ich möchte auch hier bleiben", sagt er und ist damit nicht allein.

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Einsamkeit kann zu Depressionen führen, sagt Psychiater Sönke Arlt.

Viele alte Leuten wollen in ihren Wohnungen bleiben. Ein Teufelskreis, denn Menschen, die wie Walter Schmidt isoliert und einsam wohnen, sorgen im Alter oft nicht mehr ausreichend für sich. "Am besten ist es natürlich, regelmäßige Kontakte zu haben, eine Freizeitbeschäftigung zum Beispiel, bei der man auf andere Menschen trifft, also im Chor singen oder sich im Verein engagieren", sagt Arlt. "Wenn man das aus eigener Kraft nicht mehr kann, gibt es professionelle Hilfsangebote wie Besuchsdienste, Tagesangebote oder Tagesstätten."

Besuchsangebot von der Stadt

Walter Schmidt ist mittlerweile auf der Suche nach einem Weg aus der Einsamkeit. "Es wäre schon was wert, wenn man Bekannte hätte, mit denen man nochmal klönen könnte am Telefon., sagt er. "Für Menschen wie Schmidt hat die Stadt Hamburg jetzt Besuchsangebote ins Leben gerufen. In einem Pilotprojekt werden Senioren, die ihren 80. Geburtstag feiern, angeschrieben, um zu schauen, ob sie ich vielleicht einsam fühlen und Hilfe brauchen.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 25.06.2019 | 19:30 Uhr

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