Stand: 14.03.2019 14:23 Uhr

"Die Politik hat auf unsere Kosten verschlafen"

Bild vergrößern
Nele Brebeck von "Fridays for Future" fordert die Politiker auf, wissenschaftliche Fakten zur Grundlage ihres Handelns zu machen.

Für Freitag haben Schüler weltweit zum Streik für das Klima aufgerufen. In mehr als 30 Orten in Norddeutschland gehen Jugendliche sowie ihre Eltern und Bekannten bei den "Fridays for Future"-Demos auf die Straße. Nele Brebeck gehört zum Hamburger Organisatorenkreis. Die 19-jährige angehende Jurastudentin und ihre Mitstreiter rechnen in der Hansestadt mit 1.000 Protestierenden. Konkrete klimapolitische Forderungen erarbeiten die Jugendlichen zwar noch. Aber einige Ziele haben sie bereits, wie Brebeck im Gespräch mit NDR.de erklärt.

Auf der Hamburger Facebook-Seite von "Fridays for Future" schreiben Sie: "Warum Fakten pauken, wenn die wichtigsten Fakten nicht ernst genommen werden?" Was sind die wichtigsten Fakten für Sie und ihre Mitstreiter?

Nele Brebeck: Der wichtigste Fakt für uns ist, dass wir uns bereits mitten im Klimawandel befinden. Neueste Forschungsergebnisse besagen, dass Grönland möglicherweise kurz vor dem Kipppunkt stehen könnte, Australien kämpfte Anfang 2019 mit einer extremen Dürreperiode und auch wir in Deutschland erleben vermehrt Extremwetterphänomene. Es existiert derzeit eine globale Erwärmung von etwa einem Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellem Niveau, und der Weltklimarat IPCC macht deutlich, dass eine globale Erwärmung von maximal 1,5 Grad nicht überschritten werden darf. Dies hätte sonst fatale Konsequenzen. Für meine eigene wie auch die kommenden Generationen würde das bedeuten, dass wir kein Leben mehr führen können, welches man als lebenswert bezeichnen kann.

videos und audios
04:58
Panorama 3
11:48
NDR WissensCheck

Sie fordern konsequenteren Klimaschutz. Was bedeutet das konkret?

Brebeck: Auf Deutschland bezogen bedeutet das auf jeden Fall, dass der Kohleausstieg bis maximal 2030 unumgänglich ist, da dieser maßgeblichen Einfluss auf die Reduzierung der deutschen Treibhausgas-Emissionen ausübt. Der Weltklimarat IPCC schreibt in seinem Bericht zudem, dass wir bis spätestens 2050 die Netto-Null brauchen, also keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre abgeben dürfen.

Damit dies möglich ist, fordern wir, dass die Klimapolitik sich endlich an den Fakten orientiert. Ein Dialog und eine enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft sind unausweichlich, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel tatsächlich einhalten wollen.

Die Kohle-Kommission hat erst vor Kurzem den Kohleausstieg bis spätestens 2038 vorgeschlagen. Sie fordern einen schnelleren Kohleausstieg. Argumente dagegen lauten: Unsicherheit bei der Energieversorgung, Arbeitsplatzverluste in Kohleregionen, negative Folgen für Wahlen oder eine mögliche Abneigung gegenüber der Energiewende. Wie stellen Sie sich den schnellen Ausstieg vor?

Brebeck: Es muss auf staatliche Hilfe hinauslaufen, das ist klar. Aber gerade unmittelbar nach den Verhandlungen der Kohle-Kommission schoben einige der Politiker und Unternehmer die Verantwortung für den Abbau von Arbeitsplätzen zu uns rüber. Da jedoch beide Akteure seit mindestens 40 Jahren von der Existenz des Klimawandels wissen, kann man nicht davon sprechen, dass dies unsere Verantwortung sei. Man wusste, dass die Kohleindustrie keine sicheren Arbeitsplätze bietet. Die Politik hat auf unsere Kosten verschlafen - die Konsequenzen dafür tragen wir, unsere Kinder und Enkelkinder. Wenn wir jetzt nicht handeln, kann das zukünftige Generationen im Zweifelsfall sogar das Leben kosten. Für uns ist das absolut inakzeptabel.

#wetterextrem

Der Norden im Klimawandel

Die Erde wird immer wärmer. Wetterextreme oder der Anstieg des Meeresspiegels sind die Folgen - sie zeigen sich auch in Norddeutschland. Informationen und Hintergründe. mehr

"Verkehrswende statt Weltende" lautet einer Ihrer Sprüche. Was wünschen Sie sich in Bezug auf die Verkehrspolitik?

Brebeck: In Luxemburg wird der öffentliche Nahverkehr ab 2020 kostenlos. Das wäre ein wichtiger Schritt für Städte wie Hamburg, weil viele Menschen sich hier sagen: "Bevor ich monatlich bis zu 180 Euro oder mehr zahle, nehme ich lieber das Auto." Wenn Kosten minimiert werden, würde dies die Attraktivität des ÖPNV um ein Vielfaches steigern. In Städten wie Amsterdam und Kopenhagen ist das Fahrrad das Verkehrsmittel der Wahl. Autos werden in der Stadt von morgen nur noch selten, möglicherweise auch gar nicht mehr zu sehen sein.

Ihre Forderungen wollen Sie auch an die Entscheider bringen. Mit wem sind Sie konkret in Gesprächen?

Brebeck: Es fanden und finden bereits Dialoge mit der Politik statt. So haben schon mehrere "Fridays For Future"-Aktivisten unsere Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in Berlin getroffen. Wir werden auch zu Diskussionsrunden eingeladen, immer mehr Politiker äußern sich zu uns. Die Aufmerksamkeit, die wir als Bewegung bekommen, wächst stetig. Allerdings wollen wir - so wie Greta Thunberg bereits in Brüssel sagte - gar nicht zwingend, dass die Politiker den Dialog mit uns suchen, sondern mit der Wissenschaft. Um die Klimakrise zu überwinden, müssen wir, die Unternehmen sowie die Politik unser Handeln nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten. Übrigens bekommt unser Anliegen mittlerweile auch durch die Scientists for Future Unterstützung durch die Wissenschaft.

Was kann ich im Alltag für Klima und Umwelt tun?

Technik

  • energiesparende Geräte kaufen
  • Standby-Modus bei Geräten ausschalten oder den Stecker ziehen
  • sparsame LED-Leuchten nutzen
  • Fairphone nutzen
Beim Einkaufen
  • eigene Tragetasche beim Einkaufen nutzen
  • unverpackte Produkte kaufen
  • Mehrwegbecher statt Papierbecher benutzen
Zu Hause
  • "Bitte keine Werbung"-Sticker auf den Briefkasten kleben
  • beim Kochen den Deckel auf den Topf legen und nicht zu große Platte nutzen
  • duschen statt baden
  • Wäsche bei maximal 60 Grad waschen
  • Recycling(klo-)papier nutzen
Unterwegs
  • Auf Flugreisen wegen des hohen CO2-Ausstoßes möglichst verzichten
  • Auf Kreuzfahrten wegen des Stickoxid-Ausstoßes möglichst verzichten
  • Autofahrten - vor allem innnerstädtisch - vermeiden
  • Car-Sharing nutzen
  • den öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad nutzen
Im Garten

Was tun Sie und Ihre Mitstreiter im Alltag für den Klimaschutz?

Brebeck: Ich persönlich esse Bio-Lebensmittel, war Zeit meines Lebens Vegetarierin und bin mittlerweile Veganerin. Zudem kaufe ich nur fair und nachhaltig produzierte Kleidung. Wir können auch als Verbraucher sehr viel Einfluss nehmen, wenn wir unser Konsumverhalten überdenken. Ich wäre schon froh, wenn die meisten Leute weniger Fast Food essen und den Müll davon wenigstens in den Mülleimer schmeißen würden. Bei vielen Schülern auf unseren Demos bemerke ich, dass sie anfangen darüber nachzudenken, was sie selbst tun können. Es tut sich endlich was und das ist toll!

Ist es auch schwierig für Schüler, sich gegen Eltern durchzusetzen, die in den Ferien nach Thailand fliegen oder das Auto nicht abgeben wollen?

Brebeck: Nein, eigentlich läuft es sehr kooperativ zwischen Erwachsenen und Kindern. Es gab auch Eltern, die ihre beruflichen Reisen vom Flugzeug auf den Zug verlegt haben. Wir wollen und können den Klimawandel nur gemeinsam stoppen, es handelt sich hierbei also um eine generationenübergreifende Aufgabe.

Das Interview führte Carolin Fromm.

klimawandel

Naturkatastrophen: Extremwetter im Norden

Stürme, Fluten und andere Wetterextreme haben in den vergangenen 20 Jahren zugenommen und Milliarden-Schäden verursacht. Eine Chronologie der Ereignisse in Norddeutschland. mehr

Klimawandel: Fakten zum globalen Temperaturanstieg

Wie hat sich die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Wie sind die Prognosen? Fragen und Antworten zum Thema Erderwärmung und Klimawandel. mehr

Wie sich der Klimawandel auf die Tierwelt auswirkt

Gerade unter Vögeln und Insekten gibt es Gewinner und Verlierer des Klimawandels. Einige Arten werden aus den heimischen Regionen verschwinden, andere sich ausbreiten. mehr

fridays for future

Streik für Klimaschutz: Jetzt kommen die Eltern

28.02.2019 12:00 Uhr

Erst die Kinder - nun folgen die Eltern: "Parents for Future" wollen die Schüler-Demos für mehr Klimaschutz unterstützen. Einer der Organisatoren erklärt im Interview mit NDR.de seine Motivation. mehr

#FridaysForFuture: "Wir haben keine andere Wahl"

15.03.2019 19:30 Uhr

Heute ist der große Tag für #FridaysForFuture: In mehr als 50 Ländern wollen Schüler fürs Klima demonstrieren. Dass sie deshalb die Schule verpassen, muss so sein, sagen die Aktivisten. mehr

Freitags-Demos: Klimaschutz versus Schulpflicht

15.03.2019 19:30 Uhr

Kämpfen Schüler für das Klima, zeigt man als Politiker gerne Unterstützung. Doch #FridaysForFuture-Demos finden während der Schulzeit statt - das macht offizielles Lob schon schwieriger. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 15.03.2019 | 06:20 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:34
Hamburg Journal
02:17
Hamburg Journal
02:08
Hamburg Journal