Stand: 22.10.2019 07:55 Uhr

Ehemaliger KZ-Wachmann: "Viele Leichen gesehen"

Im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann hat am Montag der Angeklagte ausgesagt. Vor dem Hamburger Landgericht erklärte er, dass er als 17-Jähriger zum Wachdienst im KZ Stutthof gezwungen worden sei. Ihm sei es ein Bedürfnis zu sagen, dass ihm die Gefangenen in dem Konzentrationslager leidgetan hätten. Der heute 93-Jährige beschwerte sich aber auch, dass durch den Prozess sein Lebensabend zerstört werde. "So habe ich mir das Alter nicht vorgestellt", sagte er am Montag im Gerichtssaal.

Prozess Bruno B.

Ehemaliger SS-Wachmann sagt umfassend aus

Hamburg Journal -

Vor dem Hamburger Landgericht hat ein ehemaliger SS-Wachmann umfassend ausgesagt. Dem 93-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen.

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Vorwurf: Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen

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Der Angeklagte sagt am Montag vor dem Hamburger Landgericht aus.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 93-jährigen Bruno D. Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vor. Als Wachmann habe er "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt". Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern. Der Angeklagte habe teilweise bis ins Detail Kenntnis von den Erschießungen gehabt. Ein Sachverständiger vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen hatte erklärt, von den Wachtürmen des Konzentrationslagers aus hätte man die Verbrechen der SS sehen können.

"Ich habe viele Leichen gesehen"

Bruno D. räumte in seiner Aussage ein, er habe im KZ viele Leichen gesehen. "Die Bilder des Elends und des Grauens haben mich mein ganzes Leben verfolgt." Damals habe er aber nicht gewusst, ob die Gefangenen umgebracht wurden oder eines natürlichen Todes gestorben seien. Der 93-Jährige wird am Freitag erneut aussagen.

Prozessauftakt sorgt für Medieninteresse

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Der SS-Wachmann Bruno D. des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vor dem Landgericht Hamburg verantworten. Video (01:37 min)

Am vergangenen Donnerstag war der Prozess unter großem Medieninteresse eröffnet worden. Am ersten Prozesstag wurde die Anklage verlesen. Dass er von August 1944 bis April 1945 in dem KZ bei Danzig tätig war, hatte der Angeklagte bereits im Ermittlungsverfahren eingeräumt. Eine persönliche Schuld stritt er aber ab. Zur Tatzeit war der Angeklagte erst 17 beziehungsweise 18 Jahre alt. Darum findet der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Verteidiger kündigte Aussage an

Der 93-Jährige wurde zu Prozessbeginn in einem Rollstuhl in den Verhandlungssaal gefahren, begleitet von seiner Tochter und seinem Verteidiger. Sein Gesicht verbarg er hinter einer roten Mappe. Sein Verteidiger kündigte schon da an, dass der Angeklagte in dieser Woche Fragen der Staatsanwaltschaft beantworten werde. Der Justiz warf er eine rechtsstaatswidrige Verzögerung vor. Spätestens seit 1982 sei den Behörden bekannt gewesen, dass der Mann früher Wachmann im KZ Stutthof war. Der Angeklagte würde nicht verstehen, dass er sich dafür nun verantworten müsse. Dieser sehe keine Schuld bei sich, da er aktiv niemanden umgebracht habe.

Kurze Prozesstage

Für den Prozess wurden zunächst insgesamt zwölf Verhandlungstage bis zum 17. Dezember vorgesehen. Jeder Prozesstag werde nicht länger als zwei Stunden dauern, weil der Angeklagte gesundheitlich angeschlagen sei, sagte der Gerichtssprecher. Rund 30 Überlebende des Konzentrationslagers und Angehörige von NS-Opfern treten als Nebenkläger auf. Ende Oktober sollen drei Überlebende als Zeugen vor dem Landgericht aussagen.

Systematische Tötung von Lagerinsassen

Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen. Während der Wachtätigkeit des Angeklagten sei es zur systematischen Tötung von Lagerinsassen gekommen, teilte die Hamburger Staatsanwaltschaft mit. "Häftlinge wurden überwiegend durch Genickschüsse im Krematorium des Lagers oder durch Verabreichung von Giftgas (Zyklon B) getötet." Zudem seien zahlreiche Personen durch gezielten Nahrungs- und Wasserentzug sowie Verweigerung medizinischer Versorgung ums Leben gekommen.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. beginnt 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Es könnte der letzte Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Täter sein. Zwar laufen bundesweit noch 29 Strafverfahren wegen Nazi-Verbrechen, wegen des hohen Alters der Verdächtigen werden Gerichtsverfahren jedoch immer unwahrscheinlicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 21.10.2019 | 14:00 Uhr

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