Stand: 31.05.2019 15:08 Uhr

Das Hamburg am anderen Ende der Welt

von Daniel Kaiser

"Ich bin Palmiro, und ich bin ein Hamburger", sagt der Cowboy, als er auf seinem Pferd von der Weide heranreitet. Palmiro Dück ist wirklich waschechter Hamburger. Er lebt in einem kleinen, abgelegenen Dorf in einem vergessenen Winkel Südamerikas. Stundenlang fährt man von der nächstgelegenen Stadt über staubige Sandpisten, um in dieses Hamburg zu kommen.

Ein entschleunigtes Hamburg

Nicht einmal 20 Höfe gibt es hier. Die Melkanlage summt, saugt und gluckst. Erst vor ein paar Jahren ist eine moderne Stromleitung errichtet worden. Es ist ein ruhiges, komplett entschleunigtes Leben. Die Stille wird nur durch ein Brummen von der Straße durchdrungen. Es sind die Landwirte aus dem Ort, die morgens und abends ihre Milch zum großen Dorftank bringen, einer nach dem anderen. Rush-Hour in Downtown Hamburg, Paraguay. An der Sammelstelle trifft man sich. Und redet - natürlich auf Plattdeutsch.

Seit Jahrhunderten auf der Suche nach gelobtem Land

Palmiros Vorfahren haben lange in deutschsprachigen Mennoniten-Kolonien in Russland gelebt, sind vor 120 Jahren erst nach Kanada und dann vor 90 Jahren nach Paraguay ausgewandet. Man hört diesen weiten Weg in ihrer Sprache - auch im Plattdeutschen.

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Die Friedensmacher: Die Mennoniten in Hamburg

Vor 400 Jahren kamen die Mennoniten auf der Flucht vor Verfolgung nach Norddeutschland. Die kleine Kirche hat in der Hansestadt eine große, aufregende Geschichte. mehr

Seit Jahrhunderten sind die Mennoniten unterwegs, auf der Suche nach ihrem gelobten Land. Sie sind eine Friedenskirche aus der Reformationszeit und nennen sich nach Menno Simons, der übrigens ganz in der Nähe von Hamburg, in Bad Oldesloe, starb. Die Mennoniten taufen nur Erwachsene und sind deshalb lange verfolgt worden. Die frommen und fleißigen Menschen haben sich immer dort niedergelassen, wo man sie in Ruhe glauben ließ und nicht zur Armee schickte. In Altona zum Beispiel lebten sie lange in der Großen Freiheit, die für sie die "Große Religionsfreiheit" geworden ist. Die Ortsnamen auf ihrer Reise haben sie mitgenommen. So gibt es in der Nähe vom südamerikanischen Hamburg auch ein Altona.

Der Horror der ersten Jahre

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Vor 90 Jahren begannen die Mennoniten sich hier anzusiedeln. Viele der Siedler starben damals an Typhus. Weil es noch keine Holzsärge gab, wurden die Toten in ausgehöhlten Flaschenbäumen beerdigt.

Die Mennoniten sind immer weiter gezogen, immer in die Abgeschiedenheit. Die erste Zeit in der Abgeschiedenheit des Chaco, des Buschlands von Paraguay, ist allerdings der Horror: "Von 1927 bis in die 50er-Jahre ging es ums nackte Überleben", erzählt Patrick Friesen, der Kulturbeauftragte der Kolonie Menno. "Es war sehr trocken, es gab riesige Heuschreckenplagen, man musste mit den Ameisen fertigwerden, es gab unzählige Giftschlangen, Vögel fraßen die Saat auf. Man musste sich praktisch neu erfinden, weil all unser Wissen darauf beruhte, wie es in der nördlichen Hemisphäre ist." Mennoniten gelten in Europa als Wasserexperten. Katharina die Große holte sie einst zur Landgewinnung nach Russland. Doch hier in Paraguay gibt es kaum Wasser, im Sommer regnet es oft monatelang keinen einzigen Tropfen.

Große Autos und viele Millionäre

Die Hungerjahre sind mittlerweile vorbei. Mit Fleiß, Bescheidenheit und Organisationstalent haben es die Mennoniten zu Reichtum gebracht - sie verdienen fünfmal so viel wie der Durchschnitt in Paraguay, alles erwirtschaftet mit Fleisch und Milch. Die Mennoniten haben große Häuser, große Autos und viel Land. Es gibt viele Millionäre.  

Natürlich fragen sich auch die frommen Mennoniten in den bestialisch heißen Sommern manchmal, warum sich ihre Vorfahren um Gottes Willen ausgerechnet hier niedergelassen haben. "Wir glauben, dass es Gott gewesen ist, der die Sturheit und das Traditionsbewusstsein dieser Leute gebraucht hat, um sie hier sesshaft zu machen, damit sich später hier andere Mennoniten ansiedeln konnten, die vor Kriegszuständen fliehen mussten."

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Bis heute gibt es noch viele deutsche Ortsnamen - und vielerorts wird auch Deutsch und Plattdeutsch gesprochen.

Tatsächlich kommt nach den Mennos 1929 eine zweite Gruppe, die zunächst in Russland geblieben war und nun vor Stalin fliehen musste. Sie gründen die Kolonie mit dem poetischen Namen Fernheim. Und nach dem Krieg kommt eine dritte Gruppe, Mennoniten aus der gesamten Sowjetunion - mehrere Dörfer in Sibirien fliehen etwa nachts heimlich mit Schlittenhunden über einen zugefrorenen Fluss nach China. In Paraguay gründen sie die Kolonie Neuland.

Fromm und konservativ

Viele Mennoniten lesen jeden Morgen in der Bibel. Es ist ein konservatives Völkchen. Die Evolution? - Nur eine Theorie. Gleichzeitig gibt es in den Museen Fossilien zu sehen. Man lässt das einfach so nebeneinander stehen. Homosexualität? - Ein Tabu. Und an der Spitze der Genossenschaften, die die Kolonien in den Erfolg katapultiert haben, stehen wie selbstverständlich immer Männer mit diesem uralten Titel wie aus dem Mittelalter: Oberschulze.

"Ich habe das Gefühl, dass die Frauen hier glücklich sind in ihrer Rolle", erklärt Gati Harder, die mehrere Museen in den mennonitischen Kolonien betreut. "Wir haben alle einen großen Haushalt, Garten, Kinder und soziale Verpflichtungen. Man sitzt nicht nur in den vier Wänden, wie das in Europa ist." Manchmal spürt man beim Leben der Mennoniten im Chaco jeden einzelnen der 11.000 Kilometer bis nach Europa.

Der Erfolg hat seinen Preis

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Samuel gehört zu einem der indigenen Stämme. Als Kind wurde er von seiner Familie im Busch ausgesetzt. Mennoniten fanden ihn und zogen ihn groß. Deshalb spricht auch er bis heute Deutsch und Plattdeutsch.

Der Alltag hat sich in den vergangenen Jahren allerdings schon deutlich verändert. Manche Mennoniten landeten in Paraguay und sind schnell weitergezogen, weil ihnen das Ganze im Chaco zu liberal war. Man spürt, wie stolz die Mennoniten darauf sind, ohne den Staat und ganz im Alleingang Straßen gebaut und ein eigenes Gesundheitssystem mit Krankenhäusern und Schulen auf die Beine gestellt zu haben.

Es ist eine unglaubliche Geschichte: Vor 90 Jahren war der Chaco leeres Buschland. Heute sind die Mennoniten so erfolgreich, dass Menschen aus dem ganzen Land kommen, um teilzuhaben. Man kann den kleinen Hauptorten der Kolonien förmlich beim Wachsen zusehen. Und dann sind da noch die Indianer, die indigenen Stämme, die bis vor Kurzem im Busch gelebt haben - wie man es sich vorstellt - mit Lendenschurz.

Lehren aus der Geschichte: Andere teilhaben lassen

Stolz zeigt Ferdinand Ekkert seine Erdnuss-Fabrik. Er produziert hier Erdnussbutter und Erdnussriegel und beliefert die Schulen im ganzen Land. Ekkert beschäftigt ausschließlich Menschen mit indigenem Hintergrund. Eigentlich hat er Maschinen in seiner Fabrik stehen, die das Ganze schneller und günstiger erledigen könnten. "Aber es geht darum, diese Leute, die um uns herum wohnen, mitzunehmen. Denn es hilft mir nichts, einen Reichtum anzulegen, wenn meine Nachbarn den nicht teilen. Wir setzen also mit Absicht viel Arbeitskraft ein." 

Mennoniten sind Kapitalisten. Sie glauben an Fleiß und Ehrgeiz. Manche leben ein Wohlstandsevangelium, sie sagen: Wenn Du an Gott glaubst, geht es Dir gut. Mennoniten wie Ferdinand Ekkert sind aber Kapitalisten mit Herz und Verstand. Während sein Sohn im Internet mit einem teuren Sportwagen posiert, spürt der Vater die Gefahr, die von dieser sozialen Schieflage ausgeht: "Ganz am Anfang in Friesland gab es schon Neid. In Russland passierte dasselbe. Irgendwann müssen wir daraus lernen. Wenn wir das hier nicht hinkriegen, sind wir bald wieder auf dem Weg."

Prostitution im Mennonitenland

Die Mennoniten wollten die Abgeschiedenheit und sind nun so erfolgreich, dass andere kommen, um am Erfolg teilzuhaben. Mit stillem Entsetzen nimmt man zur Kenntnis, dass es sogar schon einen Straßenstrich in den mennonitischen Kolonien gibt - mitgebracht von den Zugereisten. Die Mennoniten spüren, dass sie beweglicher werden müssen. Doch wenn die Mennoniten etwas haben, dann ist es Pioniergeist: Wer vor 90 Jahren den Chaco gezähmt hat, schafft auch das.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 05.06.2019 | 20:00 Uhr

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