Stand: 25.04.2020 12:39 Uhr  - NDR 90,3

Corona-Krise erschwert häusliche Pflege

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Die Schutzkleidung abziehen, desinfizieren und dann erst betritt Maria Jachnik die Wohnung der alten Dame, die sie betreut.

Wenn Maria Jachnik vom Einkaufen kommt, wartet seit Beginn der Corona-Krise das immer gleiche Ritual vor der Wohnungstür. Die Schutzkleidung abziehen, desinfizieren und in der Wohnung einen neuen Mundschutz anlegen. Sie will die ältere Dame, die sie betreut, vor dem Coronavirus schützen. Im Wechsel mit anderen polnischen Pflegekräften betreut sie die Seniorin. Die 59-jährige Jachnik ist jetzt seit fünf Wochen in Hamburg. Trotz Corona.

"Jeder Mensch macht sich Sorgen und hat Befürchtungen, aber wir nehmen das Risiko auf uns, weil ich meine Familie unterstütze", sagt Jachnik. "Ob ich diese Arbeit in Polen oder hier in Deutschland mache, ist für mich dasselbe, es gibt dort Corona und hier Corona."

Viele Pflegekräfte ohne Arbeitsvertrag

Maria Jachnik arbeitet ganz offiziell in Deutschland, mit Arbeitsvertrag und entsprechender Versicherung. Die Agentur "Pflege zu Hause" mit Sitz im Hamburger Stadtteil St. Georg hat sie vermittelt. Insgesamt arbeiten etwa 300.000 Betreungskräfte aus Osteuropa in Deutschland. "Zehn Prozent davon sind schätzungsweise legal hier, das heißt, neun von zehn gehen dieser Tätigkeit hier illegal nach", sagt Markus Küffel von der Vermittlungsagentur "Pflege zu Hause". "Wer dieser Tätigkeit illegal nachgeht, hat einfach im Moment aufgrund der bestehenden Verfügungen Probleme, beispielsweise Grenzen zu passieren."

Geschlossene Grenzen sorgen für Engpass

Maria Jachnik hat einen Passierschein erhalten. Eine offizielle Betreuungskraft wie sie kostet über die Agentur im Monat zwischen 2.500 und 2.800 Euro. Eine Pflegekraft ohne Arbeitsvertrag, also schwarz arbeitende Pflegekraft, kostet etwa 1.000 Euro weniger. Die Pflegekräfte ohne Arbeitsvertrag blieben zunächst aus, als die Corona-Krise hier ankam.

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Maria Jachnik versorgt eine alte Dame auch in Coronazeiten weiter, sonst bliebe die Seniorin allein.

"Es gab diesen Engpass als die Corona-Krise ausgebrochen ist und die Grenzen geschlossen wurden", sagt Aldona Kucharczuk von der Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit, Arbeit und Leben Hamburg. "Aber jetzt lockert sich dieser Engpass, was die Pflegekräfte betrifft, denn sie haben sich selber über soziale Netzwerke organisiert, haben sich beispielsweise Transporte organisiert." Das kennt auch Markus Küffel von der Agentur "Pflege zu Hause". "Klar, in einem grauen Markt oder einem schwarzen Markt passieren solche Dinge und Not macht da an dieser Stelle sicherlich erfinderisch", sagt er.

Warten auf die Nachfolgerin

Bei der Agentur haben sie drei Mal so viele Anfragen wie sonst, sagt Küffel. Es bewerben sich auch mehr Frauen aus Polen, die nun offiziell arbeiten wollen. Pflegerin Maria Jachnik hat jedenfalls ihren Vertrag gerade um weitere zwei Wochen verlängert. Sie bleibt so lange, bis ihre Nachfolgerin anreist. "Wir haben Familie, möchten Zuhause sein, aber wenn ich jetzt wegfahre, bleibt die Seniorin hier einfach alleine", sagt Jachnik. "Das darf man nicht machen, von Mensch zu Mensch." Ihrer Seniorin hat sie daher versprochen wiederzukommen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 24.04.2020 | 19:30 Uhr

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