Corona: Hamburger Kinder und Jugendliche leiden besonders stark

Stand: 28.09.2021 18:00 Uhr

Wie belastet Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie sind, hat eine bundesweite Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) schon im Juli 2020 untersucht. Jetzt hat die Hamburger Sozialbehörde auf der Basis dieser Zahlen eine neue Studie veröffentlicht, die die Situation der Kinder und Jugendlichen aus der Hansestadt beleuchtet.

Noch gereizter und noch niedergeschlagener: Kinder und Jugendliche in Hamburg haben wohl besonders stark unter der Corona-Krise gelitten - stärker als im bundesweiten Vergleich. Denn parallel zu der deutschlandweiten Befragung von 11 bis 17-jährigen hatte das UKE auch mehr als Tausend junge Menschen aus Hamburg zu ihren Erfahrungen in der ersten Corona-Welle befragt. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) sagt dazu: "Tatsächlich hat die Studie auch noch mal deutlich gemacht, dass sich für diejenigen die Situation häufig verschlechtert hat, denen es vorher schon nicht gut ging".

Im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt waren die Belastungen laut Leonhard in Hamburg höher, weil Kinder und Jugendliche in Ballungsgebieten stärker von den Einschränkungen während der Corona-Pandemie betroffen waren. Als Beispiel nannte sie im Hamburg Journal des NDR Fernsehens etwa abgesperrte Spielplätze.

Psychosomatische Beschwerden

Ein Drittel der Befragten gab in der Studie an, dass es in der Corona-Zeit mehr Streit in der Familie gab, als davor. Kinder und Jugendliche aus Hamburg berichteten im Vergleich zum gesamten Bundesgebiet überdurchschnittlich häufig von psychosomatischen Beschwerden wie Einschlafproblemen, Gereiztheit und Rücken- oder Kopfschmerzen, teilweise auch täglich. So gaben 14 Prozent täglich auftretende Einschlafprobleme an.

Mehrheit kam gut durch die Pandemie

Die Hamburger Sozialbehörde hat die Daten, die das UKE erhoben hatte, ausgewertet. Und sie ergeben ein sehr differenziertes Bild. Zwar waren viele 11- bis 17-Jährige zum Beispiel gereizter als sonst. Trotzdem kamen die meisten von ihnen - laut Studie - einigermaßen gut durch die erste Phase der Pandemie. Und genau das bestätigt auch Joachim Walter, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Hamburger Kinderkrankenhaus Wilhelmsstift: "Das liegt genau daran, dass die Natur uns so gebaut hat, dass wir mit Belastungen umgehen lernen müssen. Wir haben eine Haut, die heilt, wenn sie verletzt ist, wir haben auch eine Psyche, die - wenn sie die entsprechenden Ressourcen, also den entsprechenden Dünger hat, um zu heilen - auch normalerweise heilt."

Schulalltag bewertet

Auch bei der Bewertung des Schulalltags ergibt die Studie ein differenziertes Bild: 53 Prozent der Kinder und Jugendlichen empfanden die Schule während der Pandemie als anstrengender, 35 Prozent hingeben weniger anstrengend. 14 Prozent sahen keinen Unterschied.

Intakte Familie wichtig

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Zu den für Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung der Pandemie wichtigen Ressourcen zählen zum Beispiel eine einigermaßen intakte Familie, Freundschaften, materielle und soziale Sicherheit. Erst wenn das gefehlt hat, dann wurde es wirklich schwierig für Kinder und Jugendliche. Auch das zeigt der Bericht der Hamburger Sozialbehörde deutlich auf. Tobias Lucht, der Leiter der Arche in Hamburg Jenfeld, nennt Beispiele: "Also wir hatten jetzt während der Pandemie viele Kinder, die durch beengte Wohnverhältnisse und Konflikte in den Familien und mangelnde Förderung stark betroffen waren." So hätten zwei elfjährige Jungs auch mit Suizid gedroht, zwei Mädchen hätten wegen Gewaltvorfällen aus der Familie genommen werden müssen: "Wir haben schon gesehen, dass die Pandemie Auswirkungen hat auf die seelische Gesundheit der Kinder", sagt Lucht. Zwar gaben in der Studie 80 Prozent ein gutes Familienklima an. Aber ein Drittel sagte auch, dass es in der Corona-Zeit mehr Streit in der Familie gab.

Krise mit zwei Gesichtern

Die Krise hat also zwei Gesichter: Es gibt Kinder und Jugendliche, die in der Befragung sagen, dass sie sich jetzt mehr zutrauen, weil sie eigenständiger geworden sind. Und es gibt die Kinder und Jugendlichen, die zu den Verliererinnen und Verlierern zählen. Diese Krise sei deshalb auch eine soziale Krise, sagt Chefarzt Walter vom Kinderkrankenhaus Wilhelmsstift: "Letztendlich - und das ist für mich immer wieder die große Sorge - kamen die Menschen, die eher auf der Sonnenseite des Familienlebens stehen, eigentlich mit einem Wachstum raus, während Menschen aus sozial prekären Verhältnissen einfach mehr Belastungsfaktoren haben und sich entsprechend die Belastung negativ auswirken kann auf ihre Entwicklung."

Leonhard will mehr offene Kinder- und Jugendarbeit

Hamburgs Sozialsenatorin Leonhard, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, sieht als eine Konsequenz, offene Angebote für Kinder und Jugendliche zu stärken: "Ich glaube, Politik muss lernen, dass sie echte wertschätzende, niedrigschwellige, also leicht zugängliche Angebote macht, die nicht so viel Verbindlichkeit haben. Wo man heute kommen kann, morgen nicht und übermorgen wieder. Ohne, dass das ein Problem ist. So wie wir das in der offenen Arbeit machen. Dass wir zum Beispiel in den Ferien viele zusätzliche Angebote machen. Freiheit und Lebensfreude muss jetzt auch für junge Menschen das Maß der Dinge sein." Und vielleicht muss das für Mädchen und junge Frauen noch etwas mehr gelten als für Jungs: Denn sie haben laut Bericht unter der Krise stärker gelitten.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 28.09.2021 | 19:30 Uhr

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