Stand: 28.04.2017 13:36 Uhr

Arbeitsagentur: 60 Sekunden pro Einzelschicksal

von Anke Gehrmann
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War selbst einmal arbeitlos: Nun steht Autorin Anke Gehrmann auf der anderen Seite.

"075D145993", sage ich zu den Männern hinter dem hohen Tresen aus Milchglas. "Wissen wir", winkt der jüngere, Christoph, ab. "Wir wissen auch, wo du herkommst und was du so gemacht hast. Steht alles im System. Jetzt komm rüber." Und da stehe ich auf der anderen Seite des Tresens. Für 7 Tage wechsle ich die Perspektive. Ich bin Mitarbeiterin auf Zeit in der Bundesagentur für Arbeit. In der Behörde, die die meisten Daten über uns erfasst. Meine neuen Kollegen haben sich gut vorbereitet auf mich. Denn einer Journalistin diesen Einblick zu gewähren, birgt Risiko, erfordert Mut und eine Menge Vertrauen.

Reporterin Anke Gehrmann erlebt den Andrang der Arbeitslosen am Monatsbeginn in der Arbeitsagentur Hamburg-Mitte. © NDR

7 Tage... Arbeitsagentur

7 Tage -

Warum hat die Arbeitsagentur einen schlechten Ruf, obwohl sie Jobs und soziale Sicherheit bietet? Ein seltener Einblick in ein System zwischen behördlichem Auftrag, Effizienz und Empathie.

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Ich war arbeitslos und fand diesen Ort schrecklich

Die 075D145993 ist meine Kundennummer. Ich dachte, die Folge an Ziffern und Buchstaben vergesse ich nie mehr. Für den Dreh musste ich sie wieder heraussuchen. Verdrängt hatte ich sie. So weit, wie ich den Ordner nach hinten in den Schrank geschoben hatte. Als ich vor einigen Jahren selbst "Kundin" bei der Arbeitsagentur war, fühlte ich mich schlecht. Bei meinem Gang dorthin war ich stets in Habachtstellung. In den Warteschlangen hatte ich viel Zeit zum Denken: Hat die Agentur Macht, weil sich jeder, der seine Arbeit verliert, dort melden muss? Termine, Maßnahmen akzeptieren, sonst gibt es kein Geld? Das bringt doch eine Abhängigkeit und ein Gefühl von Machtlosigkeit, das verstärkt wird durch den Anspruch: hat man doch regelmäßig und viel in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt.

Wartenummern wurden abgeschafft, Sitzplätze in der sogenannten Empfangszone ebenfalls. Böse Zungen behaupten, das habe System. Arbeitslose sollen sich minderwertig fühlen. Das Image der Anstalt, die sich 2003 in Bundesagentur für Arbeit wandelte, ist vorwiegend negativ besetzt. Seit meinen Erlebnissen ließ mich die Frage nicht los: Warum wird der Ort so ungern aufgesucht, obwohl er neben Jobperspektiven vor allem soziale Sicherheit bietet?

Anderthalb Jahre Vorbereitung für den Film

Meine Antwort lässt sich nur finden, indem ich mir die andere Seite anschaue, und zwar offen und fair. Bisher hat niemand aus der Innenperspektive berichtet. "Nicht wegducken, sondern Visier aufklappen. Ich bin gespannt, wie Sie uns beurteilen." Die Devise von Sönke Fock, Geschäftsführer der Arbeitsagentur in Hamburg, hat mich überrascht. Und nur durch sie wurde dieser Film möglich. Von der Idee im Dezember 2015 bis zum Dreh dauerte es eine ganze Weile: Den ersten Kontakt gab es im Februar 2016, es folgten Vorrecherchen im Sommer, Protagonistensuche im Herbst, ein Probedreh zum Testen der Technik im Winter. Im Januar 2017 drehten wir schließlich sieben Tage in der Arbeitsagentur Hamburg Mitte.

60 Sekunden für jedes Einzelschicksal

Als Mitarbeiter haben wir einen klaren Auftrag: Arbeitslosigkeit so niedrig wie möglich zu halten. So steht es im Gesetz. Vielen Erwartungen muss die Behörde standhalten: von der Politik, der Wirtschaft und nicht zuletzt von den Arbeitslosen. Arbeit sichert auch sozialen Frieden, und was wäre die Alternative? Soll Arbeitsvermittlung auf dem freien Markt geschehen? Und der unvermittelbare Rest landet wo?

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"Der Nächste bitte." Mitarbeiter der Arbeitsagentur haben nur 60 Sekunden Zeit für einen Kunden.

Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung. Davon spüre ich hier nichts. 225 neue "Kunden" nehmen wir an meinem ersten Tag in der Empfangszone auf. Schnell merke ich, wie ich abstumpfe: "Wollen Sie sich arbeitslos melden? Ihren Ausweis bitte. Nehmen Sie hinten Platz, Sie werden namentlich aufgerufen." Man konzentriert sich auf ein paar Sätze. Es muss schnell gehen. 60 Sekunden Zeit pro Kunde. Das ist die Vorgabe. "Wir sollen nicht rumdiskutieren", erklärt mir Christoph. Ich bin überrascht, dass die meisten Arbeitslosen freundlich zu mir sind. Keine Spur von Argwohn. Ich beginne mich zu fragen, warum ich damals eigentlich so wütend war.

60 Sekunden pro Einzelschicksal. Viele junge Menschen. Und wie lapidar sie mit ihrer Kündigung umgehen. Diese Menschen werde ich nicht wiedersehen, wenn sie in den langen Flur verschwinden. Werde nicht erfahren, wie es in ihrem Leben weitergeht. Einzelschicksale verschwimmen zu einer Masse. "Der Nächste bitte." Mein Kopf dröhnt. Die vielen Kündigungen, die ich an dem Tag sehe, deprimieren mich. Christoph ist auch nach acht Stunden fröhlich und versucht jedem das Gefühl zu geben, dass es nicht schlimm ist, hierher zu kommen. Das glaube ich ihm sogar. Das ist nicht nur sein Job. Er kämpft gegen das Klischee über seinen Arbeitgeber und möchte zeigen, dass dieser Ort ein guter Ort ist. Und wenn ein Kunde seinen Unmut doch einmal an ihm auslässt, enttäuscht ihn das. Aber das muss er für sich behalten. 60 Sekunden sind um. "Der Nächste bitte."

"Arbeitslose in Arbeit zu bringen. Das ist unser Job"

Wartenummern und Sitzgelegenheiten sind abgeschafft, damit die Kunden schneller abgearbeitet werden können. Dass dies auf Außenstehende ein negatives Bild abgeben könnte, darauf reagieren die Mitarbeiter erstaunt. Im Gegenteil, es soll doch besser für die Kunden sein. Auf kritische Fragen, die ich endlich stellen kann, gibt es stets plausible Erklärungen. Die Behörde ist modern geworden. Alles wird minutengenau erfasst. Die Wartezeit in der ersten Januarwoche: 11,5 Minuten. Auslastung der Mitarbeiter: 78 Prozent.

Arbeitslose möglichst schnell in Arbeit bringen, daran wird der Erfolg gemessen. Und darin werden die Arbeitsvermittler geschult, mit dem Ziel, die Qualität ihrer Vermittlungsgespräche zu steigern. Dass sie damit schneller, vergleichbar und effizienter werden, das läge in der Natur der Sache, erklärt mir die Trainerin in der Schulung. Jedes Vermittlungsgespräch folgt einem strengen Raster. Ich lerne 13 verschiedene sogenannte Einwandbearbeitungstechniken, mit denen - wie der Name schon sagt - auf mögliche Einwände der Kunden eingewirkt werden soll, um das Gespräch auf "einen konstruktiven Abschluss" zu steuern, wie im Methodenhandbuch zu lesen ist.

"Arbeitslose in Arbeit zu bringen. Das ist unser Job, dafür werde ich bezahlt und den mache ich gern", sagt mir eine Teilnehmerin der Schulung. Bei Jessica, der stellvertretenden Teamleitung der Arbeitsvermittler, darf ich bei Vermittlungsgesprächen dabei sein und sogar selbst führen. Jessica ist stolz auf ihre Funktion. Sie macht ihre Arbeit vorschriftsmäßig. Sie setzt den gesetzlichen Auftrag um.

Die Arbeitsagentur ist keine Traumfabrik

Und genau da ist es wieder - das miese Gefühl von damals, aber nun habe ich eine Antwort gefunden. Denn Arbeitslose möglichst schnell in Arbeit zu bringen, bedeutet in der Konsequenz: Der nächstmögliche Job soll her - nicht der bestmögliche. Eine Weiterbildung? Nicht, wenn sie nicht notwendig für die Vermittlung ist. Mein mieses Gefühl gründete auf einer falschen Erwartung: Anspruch auf Arbeitslosengeld bedeutet nicht Anspruch auf Wahlfreiheit oder Mitbestimmung.

Die Arbeitsagentur ist keine Traumfabrik. Sie ist eine auf Effizienz getrimmte Maschine, gefüttert mit Arbeitslosen als unendlicher Rohstoff. Sie unterwirft ihre Mitarbeiter engen Vorgaben. Selbst wenn die Angestellten mehr tun wollten: Sie haben nur einen sehr begrenzten Spielraum, auf die Wünsche ihrer Kunden einzugehen. Christoph, Jessica und die anderen Kollegen, die ich in meinen sieben Tagen kennengelernt habe, halten diese Maschinerie am Laufen - jeder auf seine Art und jeden Tag aufs Neue. Und damit sind sie, in einem ganz neuen Zusammenhang, Helden moderner Arbeit.

Dieser Artikel erschien am 27. April 2017 auf Spiegel Online.

Dieses Thema im Programm:

7 Tage | 19.09.2018 | 23:50 Uhr

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