NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Träumt weiter!

Stand: 05.11.2021 00:01 Uhr

Länger, als er Freude an seinem Fußballverein hat, drückt der Mensch die Schulbank. Neun bis dreizehn Jahre! Eine beklemmend traumlose Zeit, findet Alexander Solloch.

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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von Alexander Solloch

Selten lag so viel knisternde Spannung in der Luft wie in diesem Sommer. Anders als im Klischee war sie aber nicht schier unerträglich, sondern schier schön. Sonst Unsichtbares wurde auf einmal sichtbar, Ungreifbares ließ sich plötzlich anfassen. Ein sonderbarer, von der Schulgrammatik eigentlich nicht zugelassener Vorgang: Im Gegensatz etwa zum "Lehrerverbandsvorsitzenden" handelt es sich doch beim "Glück" um ein abstraktes Substantiv: Man kann es gar nicht sehen, kann es gar nicht in die Hand nehmen, den Bildungsfunktionär hingegen durchaus; wäre es doch nur andersherum!

Es war andersherum an diesem fabelhaften Sommertag Mitte Juli: Wohin man auch schaute, schwebte das Glück ins Freie. Es brauste einem wie ein frischer Wind durchs Gesicht. Soeben war der letzte Schultag vor den Sommerferien zu Ende gegangen. Sechs Wochen Freiheit standen den jungen Menschen bevor! Man sah nicht einfach in lachende Gesichter, man sah lachende Körper auf lachenden Beinen. Magisch war das, und doch erklärlich: Es hatte eine Traumzeit begonnen.

Hanns-Josef Ortheil: Meister der krummen Umwege

Jetzt, da inzwischen auch die Herbstferien schon wieder vergangen sind und der kalte Novemberregen die allerletzten Glücksspuren verwischt, stimmt einen die Erinnerung schwer melancholisch. Was ist eigentlich los in den Schulen, den Verwahranstalten für leicht Maskierbare?

Nach Maßgabe der Leitlinien der Kultusministerkonferenz wie aber auch der Lehrerkonferenz jeglicher weiterführenden Schule zwischen Niebüll und Lindau kann das Schlimme, das heute, an diesem 5. November, passiert, in ein paar Jahrzehnten auf keinen Fall mehr passieren. Heute feiert die literarische Welt den 70. Geburtstag von Hanns-Josef Ortheil, einem der ganz wichtigen Literaten und Literaturlehrer der Republik, der überhaupt erst auf vielen krummen Umwegen zum Schreiben gefunden hat. Aber dieses Krumme, das Ungebärdige, das dürfte es gar nicht geben!

Tagträumen fürs menschliche Seelenleben lebenswichtig

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Ortheil müsste vergessen und verwahrlost im Nirgendwo hausen, einst vom erbarmungslosen Sortiersystem Schule in die Perspektivlosigkeit entlassen. "Ich war nie ein aktiver Schüler", sagt Ortheil im gerade erschienenen Buch "Ein Kosmos der Schrift"; und weiter: "Ich habe ein somnambules Schulleben geführt und den Lernstoff gerade so mitbekommen. Man hat alle Augen zugedrückt. Das kann man sich heutzutage kaum vorstellen. Wir leben jetzt in einer anderen Zeit. Schule wird ungeheuer wichtig genommen, es geht immerzu um Leistung. Schon im Gymnasium sollst du daran arbeiten, ein toller Hecht im gesellschaftlichen Karriereleben zu werden. In den sechziger Jahren gab es so etwas nicht."

Dass das Tagträumen fürs menschliche Seelenleben geradezu lebenswichtig ist, kann jeder Hirnforscher im Traum herbeten. Das heißt natürlich nichts, denn auch die Erkenntnis der Lernforschung, dass es dem Bildungserfolg von Kindern schadet, wenn sie schon früh um acht in die Schule gescheucht werden, wird ja seit Jahrzehnten gepflegt ignoriert. Die Schule ist derzeit kein übermäßig wissenschaftsfreundlicher Raum. An ihren Beharrungskräften prallt selbstverständlich auch die gar nicht mal so originelle Erkenntnis ab, dass - bitte um Verzeihung - jeder Mensch - jetzt bitte anschnallen - irgendwie anders ist und es gut wäre, wenn sich die Schule zu diesem Umstand verhielte.

Geschwätz als Vorbereitung auf ein erfolgreiches Leben

Stattdessen stellen wir fest: In den letzten Jahren ist die sogenannte "mündliche Mitarbeit" als Beurteilungskriterium immer wichtiger geworden. Geschwätz wird als Vorbereitung auf ein erfolgreiches Leben in unserer schwatzhaften Gesellschaft gefordert und gefördert.
Träumen ist in dieser Umgebung unmöglich geworden, Schüchternsein schon gar! Das Wesen der Schüchternen hat noch niemand tatsächlich erfasst. Sie sind irgendwie nicht richtig; man will, dass sie anders werden, dass das Schüchterne aus ihnen herausfällt; das - glaubt man - gelingt am besten, wenn man sie auf den Kopf stellt und ordentlich schüttelt.

Wie viele der Kinder, die in diesem Augenblick von ihren Lehrern abgeschrieben werden, tragen die Anlage zu Großem in sich! Sie wollen träumen - und sollen quatschen.
Es wird Zeit, dass sich wieder knisternde Spannung in die Luft legt. Urlaub bis Jahresende für alle, die glauben, sie müssten sich junge Menschen mit "mündlichen Noten" zurechtbiegen. Urlaubslektüre: "Die Erfindung des Lebens" von Hanns-Josef Ortheil. Unterdessen erfinden sich die Schülerinnen und Schüler ihr je eigenes Leben, indem sie träumen und dabei bitte nicht gestört werden.

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NDR Kultur | NachGedacht | 05.11.2021 | 10:20 Uhr

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