Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Kurze Vermeidung einer Hustenattacke

Stand: 23.12.2022 06:00 Uhr

Ein bisschen ermattet von diesem Jahr denkt Alexander Solloch über Fiebersaftprobleme und den Glanz gelassener Resignation nach.

von Alexander Solloch

Es ist so angenehm still geworden in den letzten Tagen. Das ist die Weihnachtsruhe, könnte man meinen. Tatsächlich aber sind alle wohl deshalb so verschwiegen, weil jedes Wort zu viel eine neue Hustenattacke auslösen könnte. Also fasse auch ich mich kurz.

 Ist ja schon alles gesagt worden...

Sowieso ist ja schon alles gesagt worden in diesem verwehenden Jahr, das - wie wohl auch die ungefähr zweitausendzweiundzwanzig Jahre zuvor - als im Großen und Ganzen vermaledeit zu bezeichnen wäre. Dass das Jahr aber so kurz nach seinem Beginn nun fast schon wieder zu Ende sein soll – ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Man kann seine Wirrnis kaum anders bekunden als mit diesem Seufzer, schon allein deshalb, weil Seufzen die Hustengefahr nicht beträchtlich erhöht.

Der Mantel entspannter Resignation über allem

Insgesamt scheint sich nach einer langen, anstrengenden Zeit der Dauererregung über alles eine Art entspannter Resignation zu legen, in die man sich einhuscheln kann wie in einen zweiten Wollpullover. In der "Süddeutschen Zeitung" war neulich die in dieser Hinsicht spektakulärste Schlagzeile des Jahres zu lesen: "Fiebersaftmangel zeigt Probleme". Davon muss auch eine Woche danach kein Buchstabe wegen etwaiger Übertreibung zurückgenommen werden.

Ein Jahr in Überschriften - Vorschläge

Es ist kein Zusammenhang erkennbar zwischen dieser totalen Entdramatisierung des Dramatischen und dem Umstand, dass vom Fiebersaftmangel vor allem Kinder betroffen sind, die keine Parlamente wählen und keine Zeitungsabonnements abschließen; nein, viele Beispiele (von denen ich aus Hustenangst und Vergesslichkeit jetzt mal grad keins nennen kann) beweisen, dass Kinder in der von Erwachsenen gemachten Welt geliebt und willkommen geheißen werden.

Wenn diese spektakuläre Überschrift - ihre Herrlichkeit verlangt nach gelegentlicher Wiederholung: "Fiebersaftmangel zeigt Probleme" -, wenn diese Schlagzeile also irgendeinen Grund hat, dann wohl den, dass wir insgesamt erfreulich gelassen geworden sind. Vielleicht lässt sich dieses Jahr mit folgenden Kapitel-Überschriften erzählen:

  • "Deutsches Vorrunden-Aus bei der WM zeigt Probleme"
  • "Gebaren der FIFA zeigt Interesse an Geld"
  • "Gigantische Preissteigerung in allen Bereichen zeigt kleinere Komplikationen"
  • "Zunehmende Unmöglichkeit von Familien, mit durchschnittlichem Einkommen über die Runden zu kommen, zeigt interessante Herausforderung"
  • "Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt … die niemals endende radikale Dummheit, Bosheit und Idiotie der menschlichen Gattung"

Denn es gibt doch Grenzen der Unaufgeregtheit. Sowieso gibt es eigentlich nur Grenzen; das ist ja die Wurzel aller Probleme. Grenzenlos ist allein die Ratlosigkeit. 

Boris Becker mit den Worten des Jahres 2022: "Habe meinen Tiefpunkt erreicht"

Boris Becker - das sei, wie immer, ganz unironisch festgestellt - war es vorbehalten, die Worte des Jahres zu sprechen. Kurz bevor er seine Haftstrafe antreten musste, sagte er in einem Interview: "Ich habe meinen Tiefpunkt erreicht, ich weiß nicht, was ich davon halten soll." Beträchtliche Verzweiflung im Mantel fatalistischer Gelassenheit - wenn wir schon immer mit Haltung durchs Leben gehen sollen, dann vielleicht mit dieser.

AUDIO: Boris Becker wird nach Deutschland abgeschoben (3 Min)

Dieses seltsame Jahr also, nein, ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Am besten erst einmal Weihnachten feiern, und dann sehen wir weiter.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 23.12.2022 | 10:20 Uhr

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