Christiane Peitz © IMAGO / APP-Photo
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AUDIO: Kühle Säle, hitzige Debatten - Kultur und Künste im Krisenmodus (10 Min)

Kühle Säle, hitzige Debatten - Kultur und Künste im Krisenmodus

Stand: 15.10.2022 06:00 Uhr

Hat die Kultur Long Covid? Verlieren sich die Künste in der Krise selbst aus dem Blick? Wird es je wieder sein wie zuvor? Existiert die Kultur jetzt etwa im Dauerkrisenmodus?

von Christiane Peitz

Erst die Pandemie, dann der Ukraine-Krieg, die Inflation und die Energiekrise: Die Kultur ist im Stress, wie wir alle, die sogenannten Privathaushalte. Folgt auf die Winter der geschlossenen Häuser nun eine unterkühlte Saison, mit der Vorgabe von 19 Grad auch im Theater? Gehen wir bald mit Wollschal in die Philharmonie oder bleiben wegen Fröstelgefahr lieber ganz zuhause?

Die Chancen stehen gut, dass die Häuser offen bleiben können

Anders als zu Beginn der Coronakrise, als die Politik die Kultur zunächst weitgehend vergaß und sie fahrlässig bei der Freizeitbranche neben Spielhallen und Bordellen einsortierte, reagiert sie diesmal schneller. Seit August berät sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth mit ihren Kolleginnen und Kollegen in den Bundesländern und warnt davor, dass die Kultur nicht in eine Rezession rutschen darf. Im dritten Entlastungspaket der Bundesregierung heißt es, dass die nicht abgerufenen Gelder aus dem Corona-Sonderfonds umgewidmet werden sollen, immerhin eine Milliarde Euro. Erst vor wenigen Tagen wurde im Wirtschaftsministerium eigens ein Ansprechpartner für die Kultur- und Kreativwirtschaft installiert. Der Parlamentarische Staatssekretär Michael Kellner soll es richten. Damit steigen die Chancen, dass die Mittelvergabe zeitnah und unbürokratisch in die Praxis umgesetzt wird. Die schleppende Auszahlung hatte in den beiden Pandemiejahren vielfach für Unmut gesorgt.

Gleichzeitig beschleunigen die Kultureinrichtungen ihre ohnehin angelaufenen Klimaschutz-Maßnahmen, mit LED-Licht, Wärmedämmung, Fensterisolierung oder Bewegungsmeldern Kosten zu sparen. Die Chancen stehen also gut, dass die Häuser trotz explodierender Energiepreise offen bleiben können, wie die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Ina Brandes anmahnte.

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Zwischen Überlebensdruck und Veränderungswillen

Damit sind allerdings längst nicht alle Probleme gelöst. Die Anspannung zwischen Überlebensdruck und Veränderungswillen ist groß, nicht nur ökonomisch, sondern auch inhaltlich angesichts der gewachsenen Sensibilität für politische Korrektheit, Postkolonialismus, Rassismus und Diskriminierung jedweder Art. Man denke nur an den documenta-Eklat um antisemitische Exponate, der Skandal dominierte den Kultursommer. Die Debatte war notwendig, erstickte aber ästhetische Fragen. In den Bilanzen der Kasseler Weltkunstausstellung war viel von Politik, Haltung, Rücktritten und den Chancen wie Gefahren kollektiven Kuratierens die Rede, kaum noch von der Qualität und Ausstrahlung der Kunst.  

Der Kulturbetrieb will jetzt alles richtig machen. Er will seinen ökologischen Fußabdruck korrigieren und die Gesellschaft mit verbessern, auch im zunehmend politisierten Theater. Mit der Folge, dass die Kultur einerseits Kraft aus der Krise entwickelt, nicht zuletzt aus der Selbstkritik an jahrzehntelangen eigenen Versäumnissen. So präsentiert die Biennale in Venedig eine nie dagewesene Vielzahl von Künstlerinnen - eine eindrückliche Schau, die sich nicht in appellativem Feminismus erschöpft.

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Kultur ist anstrengender geworden

Andererseits sehen sich die Künste von Aufforderungen umzingelt: zu mehr Diversität, mehr Wokeness, mehr Teamgeist, mehr Aktivismus, mehr Nachhaltigkeit - das bringt sie ins Schwitzen. Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele war von MeToo-Vorwürfen überschattet. Bei der letzten Teileröffnung des Berliner Humboldt Forums wurde der Blick auf die außereuropäischen Schätze von beflissenen Beteuerungen zum korrekten Umgang mit Beutekunst, Provenienz und Restitution förmlich verstellt. Einmal mehr beschäftigte sich die Kultur vor allem mit sich selbst, und sei es mit den eigenen Fehlern. Das Andere der Kunst und die Kunst der Anderen, sie geraten ins Hintertreffen.  

Wenn die Freude über den Literaturnobelpreis für die so feinsinnig schreibende Annie Ernaux wegen ihrer Unterschrift unter einen Israel-Boykottaufruf von 2018 auf der Stelle getrübt ist, wird klar: Kultur ist anstrengender geworden. Das ist gut so, aber auch eine Gefahr. Die gesellschaftspolitische Agenda schränkt ihre Freiheit mitunter mehr ein als jede 19-Grad-Vorgabe.Vor lauter Welterklärung und -belehrung vergisst sie ihren Wesenskern, das Staunen, die Irritation.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 15.10.2022 | 13:05 Uhr

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