Sendedatum: 06.09.2013 15:20 Uhr  | Archiv

Wo deutsche Muslime ihre Kreuze machen

von Claus Röck

Eine neue Studie mit interessanten Ergebnissen

Kamuran Sezer © Kamuran Sezer
"Die Dominanz der SPD und der Grünen geht deutlich zurück", erklärt Kamuran Sezer.

Über das Wahlverhalten von Muslimen, die in Deutschland leben, ist wenig bekannt. Aus Anlass der Bundestagswahl 2013 hat das futureorg institut für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung mit Sitz in Dortmund kürzlich eine repräsentative Online-Befragung unter türkischstämmigen Migranten durchgeführt. Geleitet wird das Institut von dem Soziologen Kamuran Sezer.

NDR Kultur: Herr Sezer, was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie?

Kamuran Sezer: Eine ganz wesentliche Erkenntnis ist, dass die Türkinnen und Türken in Deutschland, die wahlberechtigt sind, nach wie vor mehrheitlich die SPD und die Grünen wählen. Aber 2009 war die Dominanz deutlich größer als heute. Beide Parteien müssen bei dieser Wahl mit einem Verlust von fast 20 Prozent rechnen. Die zweite große Überraschung war, dass ein überraschend großer Teil der türkischen Community ihre Stimme der CDU geben würde, denn die konnte ihre Stimmen fast verdoppeln - von elf Prozent 2009 auf 20 Prozent für diese Bundestagswahl.

Zwei Wähler füllen hinter einer Wahlkabine ihren Stimmzettel aus © dpa Foto: Jens Ressing
AUDIO: Wahlverhalten deutscher Muslime (4 Min)

NDR Kultur: Warum entscheiden sich denn jetzt so viele türkische Muslime für die CDU?

Sezer: Man könnte annehmen, dass es vielleicht auch mit dem Glauben zu tun hat. Aber da sehen wir erst einmal andere Faktoren: Zuallererst haben wir festgestellt, dass die CDU im Gegensatz zu den Grünen und der SPD keine wahlkampftaktischen Fehler begangen hat. Bei der SPD wird seit 2009/2010 eine Diskussion geführt, die sich um eine einzelne Person dreht: Und zwar um Thilo Sarrazin, der mit kruden und merkwürdigen Thesen auf sich aufmerksam gemacht hat, die anschließend in der Diskussion mündeten, ob Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen werden sollte oder nicht. Die SPD-Parteiführung konnte sich dazu nicht durchringen. Wir können feststellen, dass dieses Ereignis, was zwei, drei Jahre zurück liegt, immer noch auf das Wahlverhalten der türkischstämmigen Wahlberechtigen einen großen Effekt hat.

Kamuran Sezer

Kamuran Sezer (Jahrgang 1978) ist Gründer und Leiter des futureorg Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung. Er hat an der Ruhr-Universität Bochum Sozialwissenschaft mit den Schwerpunkten Organisationssoziologie und empirische Sozialforschung studiert.

Die Grünen haben gleich auf mehreren Feldern aus unserer Sicht wahlkampftechnische Fehler begangen. Da ist zum einen die indifferente Haltung im Rahmen der Beschneidungsdebatte. (…) Ein zweites Feld, wo die Grünen keine Pluspunkte bei der türkischen Community gesammelt haben, waren die jüngsten Ereignisse in Istanbul um die Gezi-Park-Proteste. Da haben sich führende Grünenpolitiker unmittelbar in die Ereignisse eingebracht: Claudia Roth, die dort außerordentlich präsent war, genauso wie Cem Özdemir, der auch recht zügig nach Istanbul geflogen ist. Diese Form der Einmischung stieß auf keine Zustimmung von Seiten der türkischen Community.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.09.2013 | 15:20 Uhr

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