Stand: 24.04.2020 14:45 Uhr

"Was mir in diesem Ramadan nicht fehlen wird"

von Junus el-Naggar

Für rund 1,6 Milliarden Musliminnen und Muslime hat der Fastenmonat Ramadan begonnen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verzichten sie auf Essen und Trinken; dieses Fasten ist eine der fünf religiösen Pflichten für Gläubige. Im Ramadan, so steht es im Koran, wurde einst die heilige Schrift von Gott zu den Menschen herabgesandt. In diesem Jahr steht der Ramadan ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Das hat nicht nur Nachteile, meint unser Gastautor, der Islambildforscher Junus el-Naggar.

Junus el-Naggar © Junus el-Naggar
"Vieles werde ich wegen der coronabedingten Einschränkungen vermissen", sagt Junus el-Naggar mit Blick auf den diesjährigen Ramadan.

Durch Corona wird dieser Ramadan anders, als ich ihn kenne. Er lebt üblicherweise vom Beisammensein, vom gemeinsamen Gebet und vom Fastenbrechen in Gesellschaft. Stattdessen werde ich das Fasten zu Hause im Kreise der Familie brechen und mehr Zeit für eine spirituelle Reflexion haben. Vieles werde ich wegen der coronabedingten Einschränkungen vermissen.

Mediale Ramadan-Debatten bleiben mir erspart

Ich freue mich aber auch darüber, dass mir vermutlich mediale Debatten erspart bleiben, die beispielsweise gesundheitliche Folgen des Fastens aufgreifen. In Medien präsente Akteur*innen, die meist über statt mit Fastenden diskutierten, sorgten sich in den vergangenen Jahren, pünktlich zum Ramadan, plötzlich um die Gesundheit der Fastenden. Rückständige und unwissende Muslim*innen, so hatte man den Eindruck, mussten über die Folgen des Fastens von der fortschrittlichen Mehrheitsgesellschaft erst noch aufgeklärt werden. Die Fähigkeit, gesundheitliche Fragen für sich zu reflektieren, wurde Muslim*innen dadurch abgesprochen und sie wurden entautorisiert, für sich selbst zu sprechen.

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Ein Imam steht am Tag der offenen Moschee in der Ayasofya-Moschee in Hannover. © dpa Foto: Peter Steffen

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In diesem Jahr dreht sich der Großteil der medialen Beiträge zum Thema Ramadan um die Einschränkungen durch Corona. Auch die Frage nach der Zumutbarkeit des Fastens für Schulpflichtige wird daher in diesem Jahr vermutlich von der Diskussion um die schrittweise Öffnung der Schulen verdrängt. Dabei wirkte die Konzentrationsfähigkeit muslimsicher Schüler*innen in den vergangenen Jahren noch wie ein dringendes Anliegen von Pädagog*innen und Politiker*innen, die die Lernfähigkeit durch das Fasten bedroht sahen.

"Trink doch wenigstens einen Schluck Wasser!“

Erspart bleiben mir in diesem Jahr wohl auch Gespräche wie jenes aus dem vergangenen Ramadan, als mich meine Kollegin - nennen wir sie Anja - über den Fastenmonat befragte. "Nichts essen kann ich ja noch verstehen, aber auch nichts trinken?!", staunte sie. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gesund ist!" oder "Trink doch wenigstens bei der Hitze mal einen Schluck Wasser!“

Anjas Ratschläge und Nachfragen waren teilweise sicherlich gut gemeint. Ich empfand sie aber auf gleich mehreren Ebenen als problematisch. Zunächst aufgrund des mitschwingenden Rechtfertigungsdrucks. Als deutscher Muslim kenne ich mich bestens damit aus, dass von mir erwartet wird, mich für etwas zu rechtfertigen, das meiner Religion vorgeworfen wird. Ich möchte mich nicht auch noch für etwas so Harmloses wie das Fasten rechtfertigen müssen; dafür, dass ich tagsüber auf Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr verzichte und dabei versuche, auch mit der Zunge zu fasten, indem ich niemanden mit meinen Worten verletze - und mit den Augen, indem ich darauf achte, wen und was ich wie betrachte.

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Zudem zieht sich eine Rhetorik des Verstehens und Tolerierens durch Anjas Aussagen. Sie betont ihre Toleranz für den Verzicht auf Essen, äußert aber auch Unverständnis für den Verzicht auf Flüssigkeit. Ob ihr Vorschlag, aufgrund der Hitze doch etwas zu trinken, auf eine Sorge um meine Gesundheit zurückzuführen ist, erscheint mir fraglich. Er ist stattdessen gekennzeichnet von einer paternalistischen Haltung, von einem Machtunterschied zwischen der Verstehenden und dem Verstandenen. Ich wurde durch Anjas Aussagen verAndert, ich wurde durch Sprache als Anderer geschaffen. Das große Interesse an meiner vermeintlichen Exotik macht mich zu einem Fremden, zu einem Anderen.

Für Anja bin ich nur der Muslim

Anja hat mich auf meine muslimische Teilidentität festgenagelt. Für sie bin ich nicht Sohn, Ehemann, Doktorand, Werder-Bremen-Fan oder Lasagne-vernarrt. Nach meiner Forschung oder meinem Lieblingsessen fragt sie nie. Für sie bin ich nur der Muslim und damit Ansprechpartner für all ihre Fragen. Dass ich ständiges Fragen nach meiner Religion problematischer finde, als es bei ständigem Fragen nach Lasagne-Rezepten der Fall wäre, liegt daran, dass Lasagne-Esser im gesellschaftlichen Diskurs nicht andauernd inspiziert und attackiert werden. Anjas Fragen und meine Kritik an ebenjenen sind nicht losgelöst von einem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten.

Ich habe Anja gegenüber meinen Wunsch geäußert, dass wir mehr über das sprechen, was uns miteinander verbindet - zum Beispiel unsere Liebe zum Reisen - statt über das, was uns voneinander unterscheidet. Hätte Anja auch von ihrem christlichen Osterfasten berichtet, hätte ich das Gespräch vielleicht als eines auf Augenhöhe in Erinnerung behalten statt als eines, das bei mir Gefühle eines Verhörs ausgelöst hat. Ich habe sie außerdem gebeten, ehrlich für sich zu reflektieren, ob es ihr mit ihren Fragen um ernsthafte Kenntnis und Informationen über eine ihr unbekannte Religion ging oder um schlichtes Interesse an meiner vermeintlichen Exotik. Sie wirkte nachdenklich.

Die Imam Ali Moschee in Hamburg von außen © NDR Foto: Ana Radić

AUDIO: Der Ramadan hat begonnen (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 24.04.2020 | 15:20 Uhr

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