Schülerwohnheim des NIKZ in Neckarsulm © VIKZ

Vorbehalte gegen Wohnheim für muslimische Jungen in Hannover

Stand: 08.10.2021 09:53 Uhr

In Hannover soll mit Unterstützung des Verbandes Islamischer Kulturzentren ein Wohnheim für muslimische Jungen gebaut werden. 23 ähnliche Einrichtungen gibt es bereits in Deutschland, allerdings sind die Schülerwohnheimprojekte teils sehr umstritten.

Schülerwohnheim des NIKZ in Neckarsulm © VIKZ
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von Brigitte Lehnhoff

Der Verband Islamischer Kulturzentren, kurz VIKZ, versteht sich als islamische Religionsgemeinschaft, die Muslime in Deutschland religiös, sozial und kulturell begleitet.

Erol Pürlü © NDR
Erol Pürlü, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des VIKZ, ist vom Wohnheim-Projekt überzeugt: "Die Schüler bekommen einen geregelten Tagesablauf und können innerhalb der Einrichtung unterstützt werden."

"Wir repräsentieren um die sieben Prozent der Muslime hier in Deutschland", sagt Erol Pürlü, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes mit Sitz in Köln. Seit 2002 unterstützt der VIKZ Gemeinden dabei, Schülerwohnheime zu bauen. "Es ist bekannt, dass es in den Migrantenfamilien viele Schwierigkeiten bezüglich Bildung, sozialer Status und dergleichen gibt. Viele Familien sind nicht in der Lage, ihren Kindern schulisch zu helfen. Durch dieses Konzept bekommen die Schüler einen geregelten Tagesablauf und können innerhalb der Einrichtung unterstützt werden. Sie gehen in die Regelschulen und bekommen danach Hausaufgabenbetreuung. Wenn man das konsequent durchzieht, dann verbessern sich die Noten der Schüler."

Der Erfolg gebe dem VIKZ Recht, sagt Pürlü. Viele der Schüler machten Abitur, mittlerweile betreue der Verband auch 300 Studierende. Ziel sei es, über Bildung und Berufsausbildung jungen Muslimen Halt in der Gesellschaft zu geben.

Kritik an der konservativen Auslegung des Islam

Dieses Integrationsverständnis sieht der liberale Theologe Mouhanad Khorchide kritisch: "Wenn man Integration nicht nur im Sinne von Sprache lernen versteht, Bildungssystem, Arbeitsmarkt, sondern darüber hinaus auch die Identifikation mit modernen Werten, mit pluralen Werten, mit demokratischen Werten, dann sehe ich da gewissen Nachholbedarf."

Mouhanad Khorchide © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi
Mouhanad Khorchide leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster.

In den vergangenen Jahren wurde der VIKZ oft wegen seiner sehr konservativen Auslegung des Islam kritisiert. Mouhanad Khorchide schildert, wie sehr diese Interpretation junge Menschen auch belasten kann: "Ich weiß von einem ehemaligen Studenten von uns, der in VIKZ gearbeitet hat und selber in so einem Heim aufgewachsen ist, dass er ausgestiegen ist, weil er sich als junger Mensch vor der Wahl gestellt gefühlt hat: Will ich Muslim sein, oder will ich als Bürger Teil dieser Gesellschaft sein? Er wollte für sich sowohl als auch, und sich nicht entscheiden müssen."

Auf dieses Beispiel angesprochen, beruft sich Erol Pürlü darauf, dass Eltern und Schüler sich freiwillig für das Wohnheim entscheiden: "Manche entscheiden sich, das nicht weiterzumachen, aber das wird auch akzeptiert. Das ist ein freiwilliges Angebot, das jeder annehmen kann oder aufhören kann, wenn er das nicht mehr machen möchte."

"Integration ist bei uns nicht geschlechtergetrennt"

In Hannover beschäftigt sich auch die Kommunalpolitik mit dem geplanten, nicht unumstrittenen Wohnheim. Stein des Anstoßes sei nicht die religiöse Trägerschaft, betont Cornelia Kupsch, Vorsitzende des Bezirksrats Mitte. Aber: "Wir haben geguckt, wie geschlechtergerecht das Ganze ist. Und da hätten wir gerne gewusst, warum das speziell für Jungs sein soll und für Mädchen nicht."

VIKZ-Wohnheime sind generell geschlechtergetrennt. Von den bisher 23 Einrichtungen bundesweit sind sechs für Mädchen. Entscheidend sei die Nachfrage der Eltern, sagt VIKZ-Sprecher Erol Pürlü.

Cornelia Kupsch © Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
"Wir legen sehr viel Wert darauf, dass da, wo es möglich ist, diese Geschlechtertrennung nicht stattfindet", sagt Cornelia Kupsch, Bezirksbürgermeisterin Hannover Mitte.

Die bauwillige Gemeinde in Hannover ist inzwischen auf den Bezirksrat zugegangen und will im Gespräch ihr Konzept erläutern. Ein Schritt, den die Vorsitzende begrüßt. Sie stellt aber klar: "Dieses Modell, so wie es hier dargestellt ist, ist eine Form von Integrationsarbeit, und Integration ist bei uns nicht geschlechtergetrennt. Es mag kulturelle Hintergründe geben, dass man der Meinung ist, man sollte das trennen. Wenn wir uns allerdings als allgemeine Stadtgesellschaft da einmischen müssen, dann werden wir sehr viel Wert darauf legen, dass da, wo es möglich ist, diese Geschlechtertrennung nicht stattfindet. Wenn sie sich nicht aus ganz objektiven Gründen ergibt. Aber einfach nur zu sagen, dass da mehr Jungs als Mädchen sind - das würde mich nicht überzeugen."

Und Cornelia Kupsch betont, gerade in Nach-Corona-Zeiten gebe es keinen plausiblen Grund, Mädchen eine besondere schulische Förderung vorzuenthalten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 08.10.2021 | 15:20 Uhr

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