Zwei Fußpaare stehen sich gegenüber, getrennt durch eine weiße Linie © picture alliance / Zoonar | DesignIt
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AUDIO: Perspektivenwechsel - Der Weg zur Selbsterkenntnis (5 Min)

Perspektivenwechsel - Der Weg zur Selbsterkenntnis

Stand: 18.01.2024 16:49 Uhr

Wer in Frieden mit seinen Mitmenschen leben will, muss bereit sein, die Welt auch aus dem Blickwinkel der Anderen zu betrachten. Welche Anhaltspunkte bietet der Islam zum Thema Perspektivenwechsel?

von Brigitte Lehnhoff

Warum schotten sich immer mehr Menschen gegen kontroverse Diskussionen ab? Warum beharren sie darauf, dass ihre Weltsicht die einzig richtige ist? Michael Utsch, Psychotherapeut und -analytiker sowie Religionspsychologe in Berlin, sieht es so: "Aus psychologischer Sicht ist das ein Verhalten, was wir als Krisenbewältigungsmodus verstehen können. Wenn ich bedroht werde, wenn ich mich angegriffen fühle, dann schalte ich entweder in den Flucht- oder Aggressionsabwehrmodus und bin nicht mehr in der Lage abzuwägen, sondern das geht dann fast instinktiv. Nach meiner Wahrnehmung fühlen sich viele Menschen heute existenziell bedroht, weil Klimakrise, Corona und Krieg in Europa neue Herausforderungen darstellen, die wir früher jahrzehntelang so nicht hatten."

Der Mensch als Medium

Und manche Menschen legten als Folge ein quasi frühkindliches Protestverhalten an den Tag, unfähig, ein Stück zurückzutreten und mit Abstand auf die Fakten zu schauen. Ein Verhalten, das der islamischen Lehre nicht entspricht, sagt der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Er verweist auf die Schöpfungserzählung in Sure 2 des Korans: "Dort heißt es, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, dass Adam, also der Mensch nur so für sich erschaffen wurde, sondern der Mensch ist das Medium, durch das Gott seine Intentionen nach Liebe, Barmherzigkeit und Geborgenheit verwirklicht. Das heißt, es ist nicht Gott, der unmittelbar in der Welt eingreift, um Liebe zu teilen, sondern der Mensch ist das Medium."

Mouhanad Khorchide © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi
"Der Glaube an Gott ist ein Prozess des Sich-Überschreitens", sagt der Leiter des Zentrums für islamische Theologie an der Uni Münster, Mouhanad Khorchide.

Dieses Medium könne der Mensch aber nur sein, wenn er versuche, sich in die Lage Anderer hineinzuversetzen. Im Islam spreche man daher von Transzendenz, so Khorchide: "Der Glaube an Gott ist ein Prozess des Sich-Überschreitens. Ich soll die Welt nicht nur aus meiner individuellen, subjektiven Perspektive betrachten und analysieren, wahrnehmen, sondern dieses Sich-Überschreiten öffnet eine Perspektive, dass ich die Dinge von einem anderen Blickwinkel auch anschaue." Das sei Aufforderung an und Herausforderung für jeden Muslim, jede Muslima, aber auch für die islamische Theologie.

Veränderung des Blickwinkels als Weg zur Selbsterkenntnis

Sich anderen Sichtweisen zu öffnen, heißt auch, in den Dialog zu gehen, sich damit Reibungsflächen zu schaffen und womöglich den eigenen Standpunkt korrigieren zu müssen. Eine Veränderung des Blickwinkels kann also auch Selbsterkenntnis erzeugen, findet Khorchide: "Das verstehe ich unter Wahrheit: Diese Selbsterkenntnis, Gotteserkenntnis, Erkenntnis der Welt, da braucht man diese Reibungsflächen, den Dialog, die verschiedensten Perspektiven, um dann für sich zu entscheiden, wie man die Dinge sieht."

Diese Bereitschaft zum Dialog vermisst Mouhanad Khorchide in der islamischen Theologie. Verbreitet sei immer noch ein religiöser Exklusivismus in dem Sinne: Nur durch die Brille des Islam könne man die Wahrheit sehen.

Religionen schaden sich selbst

Detlef Ziegler, katholischer Theologe in Münster, sieht dieses Problem nicht nur in der islamischen Theologie. Wie Mouhanad Khorchide betont er, westeuropäische Gesellschaften seien heute plural: ethnisch, weltanschaulich wie religiös: "Wenn ein Lehramt, egal in welcher Form, es nicht fertig bringt, auf die Vielfältigkeit des Lebens in dieser Welt zu reagieren, bringt es sich um den eigenen Anspruch und macht sich auch unhörbar für die Ohren der Menschen, die sagen: 'Das wollen wir auch nicht mehr hören.'"

Auch der islamische Theologe Mouhanad Khorchide befürchtet, dass Religionen sich letztlich selbst schaden, wenn sie sich weigern, die Welt aus vielen Blickwinkeln zu betrachten. "Wenn Religionen sich verweigern, sich dieser Pluralität, dieser Vielfalt zu öffnen, und meinen, wir bleiben nur bei uns, dann gehen sie an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei. Dann entsteht das Gefühl, dass Religionen keinen Lebensbezug mehr haben und dann werden Religionen obsolet."

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Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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