"Institut für islamische Theologie" steht an einer Tür der Universität Osnabrück © dpa Foto: Friso Gentsch

Neuer Studiengang: Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft

Stand: 08.01.2021 10:53 Uhr

Das Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück will mit dem neuen Master-Studiengang Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft muslimische Wohlfahrtsarbeit professioneller machen.

Blick auf das barocke Zentralgebäude der Universität Osnabrück. © NDR Foto: Julius Matuschik
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von Brigitte Lehnhoff

Interessenten können sich ab dem Wintersemester 2021/22 für den neuen Master-Studiengang einschreiben. So ist es geplant. Der Titel des neuen Angebots: Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Nicht nur Muslime sollen damit erreicht werden, betont Michael Kiefer vom federführenden Institut für Islamische Theologie an der Uni Osnabrück: "Sondern auch Menschen, die in anderen Bereichen arbeiten wollen, zum Beispiel in evangelischen oder katholischen Gemeinden - auch hier gibt es soziale Arbeit. Uns geht es darum, einen Studiengang anzubieten, der den Bereich der Migration, der recht vielfältig ist, mit qualifizierten Fachkräften versorgt."

"Es werden Kenntnisse über verschiedene Kulturen und Religionen vermittelt"

Ein Porträt zeigt Michael Kiefer, Dozent am IIT. © dpa - Bildfunk Foto: Friso Gentsch
Michael Kiefer ist Dozent am Institut für Islamische Theologie an der Uni Osnabrück.

Weil Migration alle angeht, sind an der Entwicklung des Studiengangs auch die evangelische und die katholische Theologie beteiligt, das Institut für Migrationsforschung und die Erziehungswissenschaften. Den Absolventen soll zum Beispiel eine sogenannte Differenzsensibilität vermittelt werden. "Es werden Kenntnisse über verschiedene Kulturen und Religionen vermittelt, welche Verhaltens-Codes es dort gibt, sodass man Reaktionen oder Prozesse richtig einschätzen kann und die notwendige Sensibilität für Dinge hat, die auftreten können", so Kiefer.

Auch sollen im Master-Studium Methoden sozialer Arbeit vertieft werden. Wie etwa kann man gute Beratungsarbeit machen, was kennzeichnet gute Jugendarbeit? Aspekte, die für Moscheegemeinden bedeutsam sind. Denn in den meisten wird zwar soziale Arbeit geleistet, aber fast nur ehrenamtlich und ohne Budget. "Wir hoffen, dass sich das ändert", sagt Kiefer. "Wenn qualifizierte Fachkräfte in den Gemeinden tätig sind, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass man nach drei Jahren versuchen kann, die Anerkennung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz zu erlangen. Diese Anerkennung führt auch dazu, dass man die Möglichkeit hat, im Regelsystem Geld für eine professionelle Arbeit zu beantragen."

An-Nusrat: Bisher einziger islamischer Wohlfahrtsverband

Kiefer spricht von einer Doppelstrategie: Zunächst müssten die Akteure qualifiziert werden. Sie könnten dann Schritt für Schritt Strukturen professioneller gestalten. Also etwa Trägervereine für soziale Arbeit mitbegründen, die später unter dem Dach eines Verbandes zusammengefasst werden könnten. Diesen Schritt hat bisher nur die Ahmadiyya Muslim Gemeinde geschafft. Ende 2018 wurde An-Nusrat gegründet, der bisher einzige und bundesweit agierende islamische Wohlfahrtsverband.

Adeel Shad © An-Nusrat
Adeel Shad ist Geschäftsführer des islamischen Wohlfahrtsverbandes An-Nusrat.

"Wir haben Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, die hier in Deutschland studiert haben. Die sind damit aufgewachsen, haben in der Caritas gearbeitet und Erfahrung mitgebracht. Für uns war es also leichter, Fuß zu fassen, weil wir die ganzen Prozesse kannten, die ein Wohlfahrtsverband durchlaufen muss", sagt Adeel Shad, Geschäftsführer von An-Nusrat.

Gut ausgebildetes Personal ist Dreh- und Angelpunkt

Mit der Anerkennung als gemeinnütziger Verband sei zwar ein wichtiger Schritt geschafft. Am Beispiel Kinderbetreuung veranschaulicht er aber: "Man muss es so sehen wie in der freien Marktwirtschaft. Nicht jeder kann einfach einen Kindergarten gründen. Man muss sich bewerben, man muss einen guten Kontakt zur Stadt, zum Jugendamt haben, man muss Projekte gemacht haben, man muss Sozialarbeiter und Sozialpädagogen mit Erfahrung im Team haben. Und dann kann man sich bewerben."

Anderen muslimischen Strömungen in Deutschland ist es bisher nicht gelungen, systematisch eine eigene professionelle Wohlfahrtsarbeit aufzubauen. Gefragt nach den Gründen, zögert Adeel Shad: "Vielleicht schaffen sie es nicht, das strikt zu trennen, Wohlfahrtsarbeit und Religion. Und es bedarf Leute, die Berufserfahrung in der sozialen Arbeit haben."

Gut ausgebildetes Personal ist also der Dreh- und Angelpunkt. Die Initiatoren des neuen Studiengangs Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft dürften sich bestätigt fühlen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 08.01.2021 | 15:20 Uhr

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