Sendedatum: 07.02.2014 15:20 Uhr  | Archiv

Mit der Zeit gehen: Aleviten in Hamburg

von Stefanie Groth

Nur wenige Meter von der Reeperbahn entfernt hat die Alevitische Gemeinde Hamburg e.V. ihr Vereinshaus. Dort treffen sich die Vereinsmitglieder zum Klönen, Tee trinken, Computer-, Sprach-, und Musikkursen oder aber zum cem.

Alevitische Gemeinde Hamburg © Alevitische Gemeinde Hamburg
Yağmur Celiks (rechts im Bild) Eltern haben noch gelernt, ihren Glauben zu verheimlichen, um Problemen zu entgehen. Heute ist das anders.

Zu einem Cem kommen die Gemeindemitglieder, Frauen und Männer, jung und alt im Gebetsraum zusammen. Bevor sie die Perser-Teppiche betreten, ziehen sie ihre Schuhe aus. Dann setzen sie sich. Unter ihnen sitzt auch Yağmur Celik. Der cem sei für sie immer wieder besonders, sagt sie. Genauso wie ihr Glaube an sich.  "Wir haben sehr viele Einflüsse in unserem Glauben. Das ist nicht nur vom Islam beeinflusst, sondern auch von den Schamanen, von Zarathustra, von den Jesiden und ganz besonders wichtig ist, dass das Alevitentum mit der Zeit gegangen ist: Wir haben kein Dogma“, betont die junge Lehramtsstudentin aus Hamburg.

"Das ist eine Lebenseinstellung"

Mittlerweile hat der dede den Raum betreten. Er ist das geistliche Oberhaupt der alevitischen Gemeinde und leitet den cem. Yağmurs Blick schweift vom dede auf ein Portrait des Imam Ali, Schwiegersohn und Cousin des Propheten Mohammed. Auf ihn beziehen sich die Aleviten. Sie teilen zwar eine Reihe von Glaubensvorstellungen mit schiitischen Muslimen, sonst unterscheiden sie sich aber durch ihre humanistische Lehre und eigenständige rituelle Praxis. Für Yağmur ist das Alevitentum "eigentlich nicht wirklich eine Religion, sondern es ist", sie überlegt, "genau: eine Lebenseinstellung."

 

Die Aleviten

Die Glaubensgemeinschaft der Aleviten entwickelte sich im 13. und 14. Jahrhundert in Anatolien aus dem schiitischen Zweig des Islam. Sie treten für Toleranz und die Gleichstellung der Geschlechter ein. Vom türkischen Staat werden sie bis heute diskriminiert.

In Deutschland leben über eine halbe Million Aleviten. Vor mehr als 40 Jahren kamen sie aus der Türkei hierher. Viele von ihnen als Gastarbeiter. Andere als politisch Verfolgte. Ihre Kinder und Enkelkinder sind in Deutschland längst zu Hause. Die Aleviten sind hier als Religionsgemeinschaft anerkannt und leben ihren Glauben selbstbewusst. Das war nicht immer so, weiß Yağmur: "Wenn man sich das vor 100 Jahren anschaut, hat niemand gesagt, dass er Alevite ist, niemand. Das wurde nicht gesagt. Ich geh heute auf die Straße und sage, dass ich Alevitin bin, ich schreibe bei Facebook, dass ich Alevitin bin. Die deutsche Gesellschaft gibt uns diese Sicherheit. In der Türkei ist das immer noch sehr kritisch, dort wird man als Ungläubiger oder Gottloser abgestempelt."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 07.02.2014 | 15:20 Uhr

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