Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance

Meinungsfreiheit und Kritikfähigkeit im Alltag von Muslimen

Stand: 07.05.2021 10:47 Uhr

Welche Rolle spielen Meinungsfreiheit und Kritikfähigkeit im Alltag von Muslimen? Aufschluss könnte eine aktuelle Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge geben. Doch hinter den Zahlen und Fakten bleiben viele Fragen - meint unsere Gastkommentatorin Canan Topçu.

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von Canan Topçu

In Deutschland leben zwischen 5,3 und 5,7 Millionen Musliminnen und Muslime. Seit 2015 hat sich ihre Zahl um rund 900.000 erhöht, sodass inzwischen ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei rund 6,5 Prozent liegt.

Der Grad der Gläubigkeit bei Musliminnen und Muslimen ist - wie auch bei Angehörigen anderer Religionen - auf individueller Ebene unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Spannbreite reicht von Personen, die sich zu einer Religion bekennen und sich zugleich als nicht oder wenig gläubig bezeichnen, bis hin zu Personen, die sich als stark gläubig beschreiben.

So lauten einige Ergebnisse der aktuellen Studie über muslimisches Leben in Deutschland. Entstanden ist sie im Auftrag des Bundesinnenministeriums. Bei ihrer Vorstellung betonte der zuständige Staatssekretär Markus Kerber, dass die Religion ein geringerer Hinderungsgrund für die Integration von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern sei als bislang angenommen.

All dieses Wissen reicht mir nicht

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Alles prima also! So könnte man die Studie kommentieren und sich zurücklehnen. Ohne die Befunde schmälern zu wollen: Wie hoch der Anteil von Muslimen und Musliminnen an der Bevölkerung ist, wie viele von ihnen zum Beten in die Moschee gehen und wie viele ein Kopftuch tragen - all dieses Wissen reicht mir nicht.

Ich hätte gerne mithilfe solider Forschung Antworten auf ganz andere Fragen: Wo endet beispielsweise nach Ansicht von Musliminnen und Muslimen die orthodoxe Glaubenspraxis? Wo beginnt die Einschränkung von Freiheiten einzelner? Welche Position nehmen sie ein zu Islamismus und Nationalismus? Wie sehr wird von religiösen Geboten und Verboten abweichendes Verhalten toleriert? Wie stehen sie zu Lebensentwürfen, die nicht die ihren sind? Wie stehen sie zu Homosexualität? Welche Spannbreite an Toleranz ist vorhanden?

Wer auf Missstände hinweist, die auf strenger Auslegung des Korans basieren, sowie von Islamverbänden und bestimmten muslimischen Gemeinschaften propagiert werden; wer religiös begründete Regeln und Verbote kritisiert, weil sie menschenverachtend sind und individuelle Freiheiten einschränken, dem wird schnell mal antimuslimischer Rassismus vorgeworfen. Um nicht Beifall von der falschen Seite zu bekommen - nämlich von rechten Populisten -, soll man sich mit Kritik an Missständen zurückhalten. Ehrlich gesagt gehen mir diese Opfernarrative ziemlich auf die Nerven - wie auch der Kultur-Relativismus von Vertretern der Mehrheitsgesellschaft.

Ein Korsett aus erstickender Moral

Ob man es wahrhaben möchte oder nicht: Es ist eine Realität, dass es auch Familien gibt, die eine religiöse Auffassung vertreten, welche einzelne Familien-Mitglieder wiederum massiv einschränkt. Junge Menschen aus muslimischen Communities werden geächtet und bedroht, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen möchten.

Lale Gül © picture alliance / Robin Utrecht Foto: Robin Utrecht
Nach der Veröffentlichung ihres Buches wurde Lale Gül von ihrer Familie, von Verwandten und vom Bekanntenkreis massiv kritisiert.

Ein aktuelles Beispiel ist Lale Gül aus den Niederlanden. Sie ist Tochter von Gastarbeitern, die aus Anatolien stammen, 23 Jahre alt und studiert Literatur. Und: Sie hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. Es trägt den Titel "Ich werde leben" und gilt als eine Abrechnung mit dem stockkonservativen, türkisch-nationalistischen Milieu, in dem sie aufgewachsen ist. Lale Gül empfindet dieses Umfeld als ein Korsett aus erstickender Moral. Sie berichtet davon, dass ihr als junger Frau das Ausgehen, Flirten und auch Beziehungen untersagt wurden, selbst harmlose Freundschaften mit Jungs. Zwölf Jahre lang musste sie an Wochenenden eine Milli-Görüş-Koranschule besuchen.

Lale Gül hoffte auf das Verständnis für die Situation einer jungen Frau, die nach einem individuellen Lebensentwurf strebt und sich einem autoritären Kollektiv widersetzt. Stattdessen wird sie nach der Veröffentlichung des Buches von ihrer Familie, von Verwandten und vom Bekanntenkreis massiv kritisiert, erhält anonyme Morddrohungen und muss untertauchen.

Die Religion ist heilig, alles andere nicht

Wir Muslime sollten uns vor allem für individuelle Lebensentwürfe, für die Freiheit jedes Einzelnen und für das Recht, die eigene Meinung zu äußern, engagieren. Die Religion ist heilig, alles andere nicht. Menschenverachtende und freiheits-einschränkende Auffassungen von Religion zu kritisieren: Das ist mein Verständnis von Nächstenliebe.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 07.05.2021 | 15:20 Uhr

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