Kerim Pamuk © Lea Rieke Foto: Lea Rieke

Kabarettist Kerim Pamuk blickt auf das Jahr 2021 zurück

Stand: 30.12.2021 14:29 Uhr

Das Jahr 2021 war für viele von uns bestimmt durch die Corona-Pandemie. Aber es gab natürlich noch viel, viel mehr. Der Kabarettist Kerim Pamuk lässt das zu Ende gehende Jahr mit einem Augenzwinkern Revue passieren.

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von Kerim Pamuk

Beginnen wir den Jahresrückblick mit guten Nachrichten: Andreas Scheuer ist nicht mehr Verkehrsminister. Allein dieser Fakt wird den Bundeshaushalt um etliche Milliarden entlasten. Donald Trump ist nicht mehr Präsident der USA und die Bild-Zeitung wird nicht mehr von einem Mann gelenkt, der Journalismus als permanente mediale Kriegsführung versteht.

Männer mit grundlosem Selbstbewusstsein

Dieses Pandemie-Jahr stand unter dem Motto: "Wir haben zwar keine Ahnung, aber immer eine Meinung!" Vor allem wir Männer waren dabei wieder federführend. Gesegnet mit grundlosem Selbstbewusstsein, haben wir uns über alle Kanäle zu wirklich jedem Thema geäußert. Zum Beispiel der bayerische Ministerpräsident. Das ganze Jahr beschallte Markus Söder ungefragt die Republik mit Ratschlägen und Tipps zur Bekämpfung der Pandemie. Aber im eigenen Königreich Bayern bekam er weder Corona noch die Impfkampagne in den Griff. Was ihn selbstverständlich nicht daran hindert, weiterhin mit breitester Brezel-Brust anderen zu erzählen, wie man es richtig macht.

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Oder der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, eine gegelte konservative Projektionsfläche auf zwei Beinen, der zufälligerweise in dem Moment sein Herz für die Elternzeit entdeckte, als bekannt wurde, mit welch schmutzigen Tricks er an die Macht kam. Er musste abtreten und fühlt sich natürlich als Opfer. So wie der bereits erwähnte ehemalige Chefredakteur, der sich im ersten großen Interview nach der Entlassung über eine bösartige Medienkampagne gegen seine Person beklagte. Eins muss man diesen beiden Alphatieren und stabilen Genies lassen: Humor haben sie. Es muss Humor sein. Die Liste mit Männern, die keine Gelegenheit ausließen, um sich zum Deppen zu machen, kann man endlos fortsetzen. Auf ihr stehen Politiker, Schauspieler, Kabarettisten, Akademiker und Handwerker, Berühmte und nicht Berühmte, Influencer und der Ladenbetreiber von nebenan.

Nur einer schwieg meistens und sprach nur das Nötigste und wurde zur Belohnung deutscher Bundeskanzler. Ob Olaf Scholz das Land gut lenken kann, werden die nächsten Monate zeigen. Aber immerhin leidet er nicht an Logorrhö und denkt, bevor er spricht. In diesen Zeiten ist man schon für sehr wenig sehr dankbar.

Vom Land der Dichter und Denker sind wir meilenweit entfernt

Auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie konnten wir ausgiebig in den Spiegel gucken und was wir sehen, sollte uns schmerzen. Vom Land der Dichter und Denker, der Organisationsweltmeister, der fortschrittlichen Pragmatiker sind wir meilenweit entfernt. Den öffentlichen Diskurs bestimmen größtenteils Hysteriker, Schreihälse und infantil-bockige Wissenschaftsfeinde, während die handelnden Politiker immer noch nicht mit der nötigen Courage gegen die Pandemie und Demokratieverächter vorgehen. Die europäischen Nachbarn wundern sich und die Menschen im Orient lächeln milde über unser kopfloses und dauerempörtes Treiben. Sie haben nicht nur viel zu wenig Impfstoff, weil wir ungern teilen, sondern auch weitaus größere Probleme als den entfallenen Jahresurlaub. Eine Prise des orientalischen Fatalismus würde uns guttun, denn Corona ist nichts Persönliches, es betrifft alle, weltweit. Wir müssen ja nicht dichten, aber wollen wir nicht mal wieder zumindest dem Klischee der Denker entsprechen?

Die Pseudorebellen dürfen das ganze neue Jahr lang schweigen

Beenden wir den Rückblick mit einer guten Nachricht: Inzwischen kennen wir den Weg aus der Pandemie und jeder von uns kann dabei mithelfen. Und wer nichts Konstruktives beizutragen hat, unsolidarisch bleibt und sich in der Rolle des Pseudorebellen gefällt, darf schweigen, das ganze neue Jahr lang. Denn im Grundgesetz steht: Du hast das Recht auf freie Meinungsäußerung, nicht den Zwang zur Meinungsäußerung.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 31.12.2021 | 15:20 Uhr

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