Kaan Cevahir © Kaan Cevahir

Kaan Cevahir: Komponieren für die Völkerverständigung

Stand: 18.12.2020 13:29 Uhr

Kaan Cevahir ist Komponist, Musikwissenschaftler, Kampfsportler und gläubiger Muslim. In seiner Doktorarbeit befasst er sich mit Musik und Politik, mit deutsch-türkischen Kulturbeziehungen und inwiefern die Musik eine Nationalidentität stiften kann.

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von Miriam Stolzenwald

Die Kulturen zu durchdringen und zwischen ihnen zu vermitteln ist Cevahir gleichermaßen wichtig. Insbesondere durch die Musik und verschiedene Musikprojekte will Kaan Cevahir ein Bewusstsein und Verständnis für Kulturen schaffen - und zwar nicht nur die türkische und die deutsche, mit denen er groß geworden ist, sondern für alle Kulturen.

Inspiriert von Chopin und türkischen Melodien

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Kaan Cevahir verbindet in seiner Musik Elemente aus verschiedenen Kulturen: Dabei inspirieren ihn besonders die Musik von Chopin und die komplexen Rhythmen und Melodien aus der Türkei. Als Kind türkischer Eltern ist er in Deutschland sowohl mit der türkischen als auch der deutschen Kultur aufgewachsen. Dass er als Kind aus einer türkischen Familie klassischen Klavierunterricht bekam, war ungewöhnlich. Denn, so erzählt Cevahir, die meisten Kinder, die in Deutschland in türkischen Familien aufwachsen, lernen vor allem die türkische Volksmusik kennen, nicht aber die europäische Klassik. Sein besonderes Engagement gilt deshalb der Vermittlung zwischen den Kulturen - und damit auch den Religionen.

Die Menschen in seinem muslimisch geprägten Umfeld haben großes Interesse an seiner Arbeit: "Viele Leute aus meinem Bekanntenkreis mit dem gleichen Glauben begrüßen das sogar sehr. Das führt letztendlich dazu, dass viele muslimische Kinder und Jugendliche auch musikalischen Unterricht bekommen."

"Ich möchte kein Vorbild sein"

Cevahir wohnt im nordrheinwestfälischen Hückelhoven. Dort war er einer der ersten, der als Kind türkischer Eltern auf hohem Niveau klassisches Klavierrepertoire auf großen Bühnen präsentiert hat. Heute gibt er, neben seinen anderen Aufgaben, türkischen und deutschen Kindern Klavierunterricht - mit klassischem Repertoire und Musik aus vielen verschiedenen Ländern. Oft arrangiert er türkische Volksmelodien extra für das Klavier.

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In sehr konservativen islamischen Kreisen gebe es manchmal Vorbehalte gegenüber Musik, sagt Cevahir. Diese könnten oft nicht begründet werden. Er selbst habe das in seinem Umfeld zwar nicht erlebt, aber er beobachte, dass die klassische europäische Musik unter den Musliminnen und Muslimen wenig bekannt ist. Somit nimmt Cevahir eine Vorreiterrolle ein, die andere inspiriert: "Dass türkische Jugendliche, junge Erwachsene ein klassisches, westlich geprägtes Instrument spielen, und dass das auch durchaus vereinbar ist mit dem Glauben und auch mit der türkischen Kultur."

Wichtig ist ihm aber, dass andere ihm nicht nacheifern, sagt er. Vielmehr will er junge Menschen ermutigen, mit ihrer Geschichte ihren eigenen Weg zu finden: "Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff 'Vorbild'. Ich möchte kein Vorbild sein, aber ein Beispiel dafür, dass diese vermeintlich gegenüberstehenden Bereiche wie Musik, Islam, Kultur oder auch Kampfsport, miteinander vereinbar sind."

Wie klingt Migrationsgesellschaft?

Weil er sich sowohl in der türkischen als auch der deutschen Kultur zu Hause fühlt, fällt es Cevahir leicht, die Perspektiven zu wechseln. Als Künstler und Wissenschaftler will er ein Bewusstsein für die verschiedenen Kulturen schaffen. Das tut er beispielsweise, indem er diverse Menschen zu seinen Musikprojekten einlädt und mit ihnen gemeinsam komponiert - unabhängig von ihrer musikalischen Vorbildung. Denn die Musik könne Zugänge öffnen, die vorurteilsfrei sind, sagt Cevahir. Mit seinem aktuellen Projekt "Komposition" stellt er die Frage, wie Migrationsgesellschaft klingt: "Wenn wir in einem Raum sind, spiele ich denen das vor, was fertig geschrieben ist. Es ist es wichtig, dass die Teilnehmenden den Mut und auch die Kreativität mitbringen, ein eigenes Motiv zu entwickeln, das sie dann in meine Komposition einflechten. Das Spannende ist und bleibt, dass ich als Komponist auch nicht vorherhören kann, wie meine Komposition am Ende klingen wird."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 18.12.2020 | 15:20 Uhr

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