Hanau: Unter dem Brüder Grimm-Denkmal auf dem Hanauer Marktplatz wird an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar erinnert. © picture alliance/dpa Foto: Christine Schultze

Hanau: "Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem"

Stand: 19.02.2021 12:34 Uhr

Vor einem Jahr erschoss ein mutmaßlich rechtsextremistischer Täter im hessischen Hanau neun Menschen - die meisten mit Migrationshintergrund. Selma Yilmaz-Ilkhan ist Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt Hanau und hat sich seitdem intensiv um die Angehörigen der Opfer gekümmert.

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von Jan Ehlert

Das Gedenken an die Opfer von Hanau ist in der Stadt ein Jahr nach dem Anschlag sehr präsent. Vor dem Denkmal der Gebrüder Grimm auf dem Hanauer Marktplatz stehen Kerzen und Fotos, die an die Toten erinnern. Auch die Anteilnahme in der Bevölkerung sei groß, sagt Selma Yilmaz-Ilkhan vom Ausländerbeirat der Stadt: "Wir als Ausländerbeiratsmitglieder haben mit einigen Familienangehörigen den Verein "Institut für Toleranz und Zivilcourage 19. Februar Hanau e.V." gegründet und haben am 19. jeden Monats zu einer Mahnwache auf dem Hanauer Marktplatz gerufen. Es kamen sehr viele Menschen, natürlich mit Abstand, und es ist zu beobachten, dass man das Bedürfnis hat, der Opfer zu gedenken und gemeinsam ein Zeichen zu setzen."

Der Schock und der Schmerz sitzen tief

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"Wir müssen uns bemühen, den Rassismus zu minimieren", sagt Selma Yilmaz-Ilkhan.

Die Aufklärung des Anschlags ist derweil noch nicht abgeschlossen. Einige der Hinterbliebenen kritisieren daher die Ermittlungsarbeit der Polizei, es gehe nicht schnell genug. Auch Yilmaz-Ilkhan teilt diese Sicht: "Da gibt es tatsächlich sehr viele offene Fragen. Innerhalb von zwölf Minuten wurden neun Menschen ermordet - da erwartet keiner, dass man das innerhalb eines Jahres komplett abschließt, aber zumindest einen Zwischenbericht hätte man den Menschen zur Verfügung stellen können. Zum Beispiel, ob der Notausgang tatsächlich zu war oder nicht, weil sich die Angehörigen sicher sind, dass er zu war und sich einige der Opfer deswegen nicht retten konnten. Auf diese Fragen wünschen wir uns zeitnah Antworten."

Dennoch, der Willen zur Aufklärung rund um die Morde in der Shisha-Bar sei bei den Behörden vorhanden, betont Yilmaz-Ilkhan. Aber der Schock und auch der Schmerz sitzen tief. Hanau sei eine sehr multikulturell geprägte Stadt. Menschen aus 140 Nationen leben hier. Dennoch sei schon vor dem Anschlag auch in Hanau spürbar gewesen, dass sich das gesellschaftliche Klima verändert habe: "Wir haben beobachtet, dass die bundesweite, aber auch die europaweite Entwicklung rassistischer Äußerungen auch in Hanau zu spüren war."

"Da muss viel mehr passieren"

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Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020. © picture alliance/dpa Foto: Boris Roessler

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"Rassismus sei ein Gift", betonte auch Bundeskanzlerin Merkel in einer Videobotschaft mit Blick auf den Jahrestag des Anschlags. Ähnlich äußerten sich zahlreiche andere hochrangige Politikerinnen und Politiker. Wichtige Worte, meint Selma Yilmaz-Ilkhan, aber: "Konsequenzen gab es in der Hinsicht, dass eine Kommission gegründet wurde, die sich vermehrt Rassismusthemen widmen möchte. Aber ich finde, dass viel mehr gemacht werden muss. Zum Beispiel, dass sie mehr Mittel für Opferberatung stellen, aber auch für zivilgesellschaftliche Organisationen zur Stärkung der Demokratie und für Forschung über Rechtsextremismus. Da muss viel mehr passieren."

Und zwar ganz besonders im Internet: "Man muss definitiv vermehrt auch gegen Hasskriminalität im Internet vorgehen, weil sich sehr viele Menschen im Netz radikalisieren." So war es auch beim Täter von Hanau. Rechtsextremistische Äußerungen im Netz müssten daher strenger verfolgt werden, findet Yilmaz-Ilkhan. Gefordert sei dabei aber nicht nur die Politik, sondern jede und jeder einzelne: "Eine Rassismus-freie Gesellschaft gibt es nicht, aber wir müssen uns bemühen, den Rassismus zu minimieren. Je mehr wir dulden, umso schwerer werden wir das erreichen. Von daher bedarf es auch Zivilcourage, dass wir gemeinsam als Gesellschaft dieses Problem angehen und es nicht nur als ein Problem der Migranten betrachten. Nein, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."

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