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"Islam in Europa": Ausstellung in Hildesheim zeigt Kulturaustausch

Stand: 09.09.2022 12:41 Uhr

Das Hildesheimer Dommuseum zeigt die große Sonderausstellung "Islam in Europa: 1000-1250" – ein Blick auf den Austausch von Kultur und Wissenschaften im Mittelalter mit hochkarätigen Objekten. Beschriftungen gibt es auch in arabischer und türkischer Sprache.

Museumsdirektorin Dr. Claudia Höhl in der Ausstellung "Islam in Europa" im Dommuseum Hildesheim © Dommuseum Hildesheim /Marek Kruszewski Foto: Marek Kruszewski
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von Karin Dzionara

Konstantinopel, Kairo, Cordoba, Palermo: Die Metropolen des Mittelalters waren pulsierende Zentren der Wissenschaft und Kunst. Damals blickte Europa voller Bewunderung auf die vom Islam geprägten Regionen. Im Hildesheimer Dommuseum werden die Städte und Handelswege auf einer stilisierten Landkarte präsentiert. Zeit für einen Perspektivenwechsel, erläutert der Ausstellungskurator Felix Prinz:

"Der Blick ist natürlich von der Ausstellung in Hildesheim her ausgerichtet, aber er kehrt sich dann um: Man man erkennt, dass im südlichen und östlichen Mittelmeerraum diese großen Zentren waren. Ich glaube, das ist etwas, was sehr lehrreich ist für die Gegenwart. Man merkt, dass die Epochen sich ändern können, dass man auch einen respektablen Blick auf historische Kulturen und Religionen richten kann und damit auch die Gegenwart anders sieht. Außerdem wird klar,  dass sich dieses heute verbreitete und etablierte Bild ändern und dieser Wandel historisch auch sichtbar werden kann. So kann der Blick in die die Geschichte auch zu einer Kritik der Gegenwart werden", hofft der Kurator.

Reger Austausch zwischen Religionen

Es gab einen regen Austausch und zahlreiche Verflechtungen innerhalb der Kulturen und Religionen, das zeigen die mehr als 90 hochrangigen Kunstwerke, darunter Leihgaben aus London, Wien und Paris, die jetzt im Hildesheimer Dommuseum zu sehen sind:

"Wir haben dieses Reliquiare mit der Schachfigur aus Bergkristall, einen kleinen Arabisch beschrifteten Stein. Wir haben die Textilien, also die Seidenstoffe,, die im Schrein des Heiligen Godehard im Hildesheimer Dom gefunden wurden. Es finden sich auch in der Hildesheimer Dombibliothek und in anderen  historischen Bibliotheken Mitteleuropas  Handschriften, die auf der Übersetzung arabischsprachiger Wissenschaft beruhen", so Felix Prinz über die Objekte, die aus dem arabischen Raum nach Hildesheim gelangten.  

Globalisierung im Mittelalter

Globalisierung ist kein Phänomen der Moderne. Auf Stoffen und liturgischen Altargeräten werden christliche Symbole von arabischen Motiven umrahmt. Im Mittelalter arbeiteten in den Werkstätten des Orients jüdische, christliche und muslimische Künstler. Das lässt sich an zahlreichen Kunstwerken ablesen. Arabische Messgeräte und Schriften belegen den enormen Wissenstransfer:

"Noch eindrucksvoller ist vielleicht das medizinische Wissen, das in der Antike entstand und dann vor allem in den arabischsprachigen Regionen verbreitet war. Medizinische Expertise war in Mitteleuropa zur Zeit des Mittelalters kaum vorhanden. Gerade Süditalien war dann die Kontaktzone, von wo aus dieses arabische Wissen, diese arabische Medizin nach Mitteleuropa gelangte. Es gab die sogenannte Schule von Salerno. Dort wurden sehr bedeutende Handschriften oder Schriften zur Medizin aus dem Arabischen übermittelt. Das, was wir hier in Hildesheim in der Dombibliothek erhalten haben, ist eine Handschrift von Konstantinos Africanus, ein Grundlagenwerk der Medizin. Es wurde  von einem persischen Gelehrten in Italien übersetzt und gelangte dann über Nordfrankreich bis nach Hildesheim in die  Dombibliothek", berichtet Prinz.

Es geht um Teilhabe und um einen neuen Dialog der Religionen und Kulturen, betont Ausstellungskurator Felix Prinz: "Wir haben in dieser Ausstellung wichtige Hinweise und Erklärungen erstmals in arabischer, deutscher, englischer und türkischer Sprache verfasst. Das liegt daran, dass wir mit dieser Ausstellung auch ein Publikum erreichen können, das die diverse und vielfältige Hildesheimer Stadtgesellschaft, aber auch die Gesellschaft in Mitteleuropa, in Deutschland abbildet", so Prinz.

Führungen auf Arabisch und Türkisch

Führungen werden auch in arabischer und türkischer Sprache angeboten. Emin Tuncay gehört zum Sprecherteam des Interreligiösen Arbeitskreises "Abrahams Runder Tisch" in Hildesheim: "Ich werde Ausstellungsführungen auf Türkisch anbieten. Es ist für mich eine besondere Situation, weil in dieser Ausstellung auch Objekte aus Konstantinopel gezeigt werden. Ich bin dort in Istanbul geboren und nach 1250 Jahren hier in Hildesheim, in meiner zweite Heimat über diese Exponate zu sprechen, das ist für mich etwas ganz Besonderes."

"Islam in Europa. 1000 bis 1250" - mit dieser Ausstellung, die ins Mittelalter zurückreicht, möchte das Kuratorenteam des Hildesheimer Dommuseums auch heute Brücken bauen. Für Emin  Tuncay ist das ein wichtiges Signal: "Muslime, die sich mit dieser Geschichte auseinandersetzten, ihre Geschichte in Beziehung setzen zu anderen Religionen wie dem Christentum, die können durch diese Reflexion auch ihre eigene Religion besser kennenlernen", meint er.  

Museumsdirektorin Dr. Claudia Höhl in der Ausstellung "Islam in Europa" im Dommuseum Hildesheim © Dommuseum Hildesheim /Marek Kruszewski Foto: Marek Kruszewski
Museumsdirektorin Claudia Höhl liegt die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern am Herzen.

Die Geschichtsschau endet im sogenannten "Labor Gegenwart". Hier werden verschiedene Begleitprojekte vorgestellt. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit Schulen, erläutert Museumsdirektorin Claudia Höhl: "Wir stellen hier zwei Projekte vor, in denen sich Kinder und Jugendliche mit dem Thema und einzelnen Objekten in der Ausstellung beschäftigt haben. Da sind beeindruckende Ergebnisse herausgekommen - in Form von Kunstwerken und Videos. Darin berichten sie anhand eigener Erfahrungen auch über Flucht  und Krieg. Das setzen sie dann in Beziehung zu den hier gesehenen Objekten, an diesem neuen Heimatort", so Höhl.  

Die Ausstellung "Islam in Europa. 1000-1250" ist bis zum 12.2. 2023 im Hildesheimer Dommuseum zu sehen.

 

Weitere Informationen
Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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